SONNTAGS um zehn : Christen und Juden am Altar

Gegen das Klischee: Gemeinsamer Gottesdienst in der Laurentiuskirche

Barbara Schneider

Kaum sind die Kirchenglocken verklungen, tritt Amnon Seelig vor den Altar. Mit lauter Baritonstimme singt er das „Ma Towu“, ein Gebet, das Juden beim Betreten der Synagoge sprechen. Seelig hat in Jerusalem und Karlsruhe Gesang studiert und absolviert derzeit am Potsdamer Abraham-Geiger-Kolleg eine Ausbildung zum Kantor. In der evangelischen Laurentiuskirche in Spandau gestaltet der jüdische Sänger nun einen Gottesdienst zum Israelsonntag mit.

In der Geschichte des Christentums war der Israelsonntag, der in zeitlicher Nähe zum jüdischen Gedenktag der Zerstörung Jerusalems begangen wird, allzu oft ein Tag der Judenfeindlichkeit. Bis ins 20. Jahrhundert hinein predigten Pastoren von den Kanzeln antijüdisches Gedankengut, zeichneten klischeebeladene Zerrbilder vom Judentum oder riefen zur Judenmission auf. Erst nach dem Holocaust kam es in den Kirchen zum Umdenken: Seither besinnen sich die Gläubigen am Israelsonntag vor allem auf gemeinsame christlich-jüdische Wurzeln.

Auch der Opfer der NS-Verbrechen wird an diesem Tag gedacht. In der Laurentiuskirche erinnert die Gemeinde an Ilse Wassermann. Eine Frau, die in unmittelbarer Nachbarschaft in der Wilhelmstadt wohnte. Die Nationalsozialisten verpflichteten sie zur Zwangsarbeit. Schließlich wurde sie enteignet, deportiert und 1942 im Vernichtungslager Sobibor ermordet. 49 Jahre war Ilse Wassermann zum Zeitpunkt ihres Todes alt. Seit knapp einem Jahr erinnert ein Gedenkstein vor dem einstigen Wohnhaus an die Berlinerin.

„Das Versagen von Christen und Kirchen angesichts der Entrechtung und Vernichtung des europäischen Judentums hängt zutiefst mit einem Verständnis des Evangeliums ab, das es von der ethischen Tradition des Alten Testaments, also von der Thora, losgelöst hat“, sagt Christian Staffa, Geschäftsführer der „Aktion Sühnezeichen“, in seiner Predigt. „Die Shoah ist auch eine Folge unserer Thoravergessenheit.“ Und so wirbt er dafür, das Alte Testament als Zeichen der Sehnsucht Gottes nach einer gerechten und friedlichen Welt zu begreifen. „Gottes Gebote sind Hilfe im Alltag, Orientierung im Dschungel unserer Angst und im Machtgerangel der Interessen.“ Die „Aktion Sühnezeichen“ setzt sich für die Versöhnung nach den NS-Verbrechen ein und entsendet seit mehr als fünf Jahrzehnten Freiwillige in soziale Projekte oder Gedenkstätten nach Israel, Frankreich oder in die USA.

Im Gottesdienst wechseln sich jüdische Gesänge und christliche Gebete ab. Auf das jüdische Klagelied folgt ein Hoffnungspsalm. Zum Abschluss des Gottesdienstes spricht Pfarrer Alexander Pabst mit Amnon Seelig abwechselnd auf Deutsch und Hebräisch das Trauerkaddisch, das jüdische Totengebet.

Beim anschließenden Imbiss kommen die Spandauer Christen und die Gäste aus der Jüdischen Gemeinde miteinander ins Gespräch. Barbara Schneider

0 Kommentare

Neuester Kommentar