SONNTAGS um zehn : Damit niemand erfrieren muss

Seit 20 Jahren lässt eine Kirchengemeinde in Friedenau Obdachlose im "Nachtcafé" übernachten. Zeit für einen Jubiläumsgottesdienst

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Gute Hirtin. Seit 20 Jahren hilft Hanna Lichtenthäler Obdachlosen.
Gute Hirtin. Seit 20 Jahren hilft Hanna Lichtenthäler Obdachlosen.Foto: Mike Wolff

Es begann mit einer Notiz im „Tagesspiegel“: Ein Pfarrer bat Kirchengemeinden, obdachlosen Männern und Frauen kostenlos Schlafmöglichkeiten anzubieten. Hanna Lichtenthäler ließ die Bitte nicht mehr los, denn draußen war es eisig kalt. Sie arbeitete als Nervenärztin. Mit kranken und hilflosen Menschen umzugehen, gehörte zu ihrem Berufsalltag. Sie telefonierte, kaufte Isomatten, und drei Tage später war es so weit: Die evangelische Gemeinde Zum Guten Hirten öffnete die Tür für die ersten Übernachtungsgäste. Das ist jetzt 20 Jahre her und Grund für einen Festgottesdienst.

Hanna Lichtenthäler steht an diesem Sonntagmorgen auf der Empore und singt im Chor. Immer wieder huscht ein Strahlen über ihr Gesicht. Sie ist stolz auf die 20 Jahre „Nachtcafé“ – und wundert sich auch, „dass noch nie etwas Schlimmes passiert ist“. Vor dem Gottesdienst hatte sie erzählt, dass die Menschen, die von November bis April abends vor der Tür stehen, oft nicht einfach sind. Viele sind Alkoholiker, drogenabhängig, lebensmüde, abgekämpft. „Manche kommen mürrisch, wollen essen und schlafen, andere sitzen apathisch da, wieder andere sind angespannt und laut.“ Manche leben im Friedenauer Kiez, andere sammelt der Kältebus der Stadtmission auf. Jeder wird aufgenommen, egal wie betrunken, schmutzig oder krank er ist. Es gibt ein warmes Essen und morgens Frühstück. „Wir machen das, damit niemand auf der Straße erfrieren muss“, sagt Hanna Lichtenthäler. Es habe auch schon mal ein Anwalt oder ein Arzt hier übernachtet. Der soziale Abstieg kann sehr schnell gehen.

Pfarrer Michael Wenzel hat sich für die Predigt einen Klassiker ausgesucht: das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Ein Mann wird ausgeraubt und liegt halb tot am Straßenrand. Ein Priester und ein Levit, zwei Männer aus der Elite des Volkes Israel, laufen an ihm vorbei. Sie waren auf dem Weg zum Tempeldienst, erklärt Pfarrer Wenzel. Sie hatten Gründe, dem Mann nicht zu helfen. Die Berührung mit „Unreinen“ sei ihnen vor dem Tempeldienst verboten gewesen. Wenzel geht es in der Predigt um diese „guten Gründe“, die einen abhalten, das gefühlsmäßig Richtige zu tun. „Ich wünsche uns allen, dass wir uns verstören und irritieren lassen in unseren Gewohnheiten und Sachzwängen“, sagt Wenzel. So wie der Samariter, den der verletzte Mann so anrührt, dass er gar nicht anders kann, als zu helfen.

Auch Hanna Lichtenthäler kennt viele Gründe, die gegen das „Nachtcafé“ sprechen. Zu gefährlich, wer soll sich kümmern, und was, wenn im Gemeindehaus Schnapsflaschen und Spritzen liegen? „Manchmal muss man einfach anfangen“, sagt sie. Heute ist das „Nachtcafé“ anerkannt. Die Gäste schlafen in einer Souterrainwohnung, die Schlafplätze sind auf 18 begrenzt. 50 Ehrenamtliche und einige Honorarkräfte machen mit, darunter auch viele junge Leute. Das Geld dafür kommt vom Bezirk und aus Spenden.

Pfarrer Wenzel ruft die Engagierten nach vorne zum Altar, bedankt sich. „Am Anfang hatte ich große Berührungsängste“, gesteht eine Frau, die jetzt seit 18 Jahren dabei ist. Und dann erzählt sie eine dieser unglaublichen Geschichten: Ein Sohn hatte den Kontakt zum Vater verloren. Als er ihn wieder aufnehmen wollte, erfuhr er, dass der Vater obdachlos geworden sei. Der Sohn suchte ihn überall in der Stadt – und fand ihn im Friedenauer „Nachtcafé“.

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