Berlin : Sonntags um Zehn: "Das Gebet war stärker als die Mauer"

Stephan Künzi

Das wird kein gewöhnlicher Gottesdienst. Vor dem Eingang der St. Bonifatius-Kirche hat sich eine riesige Menschentraube gebildet, auf dem Gehsteig und im Kircheninnern tun Polizisten und Sicherheitsleute ihre Arbeit. Dann tauchen sie auf, die Spitzenleute der CDU mit Landeschef Eberhard Diepgen und der Parteivorsitzenden Angela Merkel. Die Erinnerung an den 13. August 1961 lässt sie allesamt in die Yorckstraße pilgern: Erzbischof Georg Kardinal Sterzinsky und der evangelische Generalsuperintendent Martin-Michael Passauer rufen zum Gedenken an den Bau der Berliner Mauer vor genau vierzig Jahren.

Der Aufmarsch von so viel Prominenz ändert nichts daran, dass die Verantwortlichen gerade nicht eine Parteiveranstaltung vorhaben, sondern betont Gottesdienst feiern wollen. Gottesdienst? Wo doch in den letzten Tagen in den Zeitungen, im Fernsehen und im Radio schon so viel gesagt worden ist? Kardinal Sterzinsky stellt sich diese Frage auch. Zumal die Kirche, wie er sagt, normalerweise "Ereignisse des Heils" feiert. Den Mauerbau dagegen bezeichnet er als "einen der schwärzesten Tage der deutschen Geschichte."

Es gibt eben auch die Gottesdienste der Trauer, Buße und Sühne. Um dreierlei geht es Sterzinsky an diesem Sonntagmorgen. Der Opfer zu gedenken, die an der Mauer Leben und Gesundheit aufs Spiel gesetzt haben. Sich an den Schmerz jener zu erinnern, die hüben wie drüben mit den Folgen der Trennung fertig werden mussten. Und einen Blick auf "die Täter" zu werfen, die oft selber Opfer ihrer unmittelbaren Umgebung geworden seien.

Eine "sehr komplexe Entwicklung" habe zum Mauerbau geführt. Der Kardinal will sich gar nicht in den Details verlieren. Viel lieber fügt er den mannigfaltigen Analysen, die derzeit herumgeboten werden, seine eigene, seine theologische Deutung an. "Nur wer Gott kennt, kennt auch den Menschen", predigt er und dreht den Satz - bezogen auf das für den Mauerbau verantwortliche SED-Regime - gleich um: "Wer Gott nicht anerkennt, kann auch dem Menschen nicht gerecht werden." Sterzinsky packt die Gelegenheit beim Schopf, spricht noch ein mahnendes Wort an die Politiker von heute, die vor ihm sitzen und zuhören. Politik, die den Menschen ernst nehme, geschehe noch immer in der Verantwortung vor Gott.

Vor dem gemeinsamen Vaterunser hält die Gemeinde inne. Generalsuperintendent Passauer macht sich Gedanken zur tragenden Kraft, die vom Gebet ausgeht. "Als die Mauer vor vierzig Jahren gebaut wurde, falteten viele Leute die Hände." Auch jahrelange Unterdrückung im Sozialismus sei gegen diese Macht nicht angekommen. "Das Gebet vereint, stärkt, nimmt alle Unterschiede." Seine Worte sollen gerade auch für den Gedenkgottesdienst gelten. "Wir beten darum, dass Menschen zu Erkenntnis, Reue und Einsicht kommen", hat Kardinal Sterzinsky zuvor gesagt. Dann werde Versöhnung möglich, "und dieser Gottesdienst erhält einen tiefen Sinn".

Versöhnung wird heute, wenn Kardinal Sterzinsky und Generalsuperintendent Passauer um 9 Uhr zu ihrem zweiten ökumenischen Gottesdienst laden, nochmals im Zentrum einer Gedenkfeier stehen. Der Ort des Geschehens ist dabei noch symbolträchtiger als St. Bonifatius an der Yorckstraße: Die evangelische Versöhnungskapelle an der Bernauer Straße steht genau im Mauerstreifen, in dem es in den Zeiten der Trennung kein Durchkommen gab. 1999 wurde sie dort aufgebaut, wo früher die große Versöhnungskirche stand. Diese war 1985 gesprengt worden, weil sie den DDR-Grenzern die Übersicht versperrte.

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