SONNTAGS um zehn : Das Tischtuch flicken

Im Jüdischen Gemeindehaus wurde die „Woche der Brüderlichkeit“ eröffnet

Benjamin Lassiwe
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Sterzinsky

Brüderlich ging der Vatikan in den letzten Monaten nicht mit den Juden um. „Es war ein Affront, ein Fiasko, ein Desaster und ein Schlag ins Gesicht“, sagte der stellvertretende Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Dieter Graumann. Im großen Saal des jüdischen Gemeindehauses in der Fasanenstraße applaudierten ihm die Zuhörer, als er in Anwesenheit zahlreicher Prominenter aus Kirche und Politik am Sonntag die diesjährige Berliner „Woche der Brüderlichkeit“ mit seiner Ansprache eröffnete. 1952 hatten die auf Initiative der Alliierten gegründeten „Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit“ diese Woche voller Dialogveranstaltungen ins Leben gerufen, um ein besseres Verhältnis zwischen Christen und Juden in Deutschland zu erreichen. Doch die Wiederzulassung der Karfreitagsfürbitte um die Bekehrung der Juden, die Rehabilitierung der „Fanatiker und Fundamentalisten“ der Piusbruderschaft und insbesondere des Holocaustleugners Richard Williamson warfen einen Schatten auf die katholisch-jüdischen Beziehungen.

Daraus allerdings dürfe keine „Beziehungsfinsternis“ erwachsen, betonte Graumann. Wie auch die anderen Teilnehmer der Eröffnungsveranstaltung der „Woche der Brüderlichkeit“ bemühte er sich sichtlich, das zerrissene Tischtuch des Dialogs mit dem Faden des Vertrauens neu zu nähen. „Das persönliche, lebenslange Engagement von Papst Benedikt XVI. für die Versöhnung von Christen und Juden ist unzweideutig“, sagte Graumann und würdigte zugleich das Engagement der deutschen Bischöfe für die Zusammenarbeit von Katholiken und Juden nach dem Bekanntwerden des Williamson-Skandals. „Aber der Spagat, mit den Fanatikern auf der einen Seite und mit den Juden auf der anderen Seite den Dialog zu halten, wird auf Dauer schwer zu schaffen sein.“ Daher sei jetzt der Zeitpunkt gekommen, die Piusbrüder wieder aus der Kirche auszuschließen, „je schneller, umso besser“.

Der Berliner Kardinal Georg Sterzinsky sagte, er habe es nicht für möglich gehalten, „dass es Menschen gibt, die von sich selbst sagen, dass sie katholisch sind, und den Holocaust leugnen.“ Was bislang im jüdisch-christlichen Dialog erreicht wurde, sei von so hoher Qualität, dass man jeden Versuch abwehren müsse, es zu zerstören. „Jede Form der Judenfeindschaft widerspricht dem Evangelium.“

Das festlich gekleidete, oft würdevoll ergraute Publikum im Saal applaudierte bei solchen Sätzen gern. Ihnen liegt der jüdisch-christliche Dialog am Herzen.

Doch am Ende war es Martin Kruse, der Altbischof der evangelischen Landeskirche, dessen persönlich gehaltene Worte am meisten berührten. Er erzählte von einer Reise, die er einst mit jungen Theologen nach Israel unternommen hatte. Und er berichtete von Gesprächen mit Holocaustüberlebenden und jüdischen Einwanderern, die der Reisegruppe auf dem Schiff begegneten. „Vor uns tat sich ein Abgrund des Leides auf, denn die Menschen berichteten uns, den jungen deutschen Theologen, aus ihrem Leben.“ Dieses Erlebnis habe ihn und die Mitreisenden geprägt.

Die Gäste im Saal spürten, dass es solche Begegnungen sind, die den jüdisch-christlichen Dialog wirklich voranbringen. Vielleicht eines Tages bis zu dem Punkt, den Lala Süsskind umriss, die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Berlin: „Ich möchte endlich dahin kommen, dass es unwesentlich ist, ob ein Mensch jüdischen, evangelischen, katholischen oder muslimischen Glaubens ist.“ Die „Woche der Brüderlichkeit“ hätte dann ihr Ziel erreicht.Benjamin Lassiwe

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