Berlin : Sonntags um Zehn: Das Vorbild des Märtyrers Lichtenberg

Jörg-Peter Rau

Gut, dass in der St. Hedwigs-Kathedrale kopierte Blätter ausliegen, auf denen die gregorianischen Gesänge vom Lateinischen ins Deutsche übersetzt sind. Denn schon der Eröffnungsgesang, den die achtköpfige Choralschola nach dem Einzug des stattlichen Klerus vorträgt, verweist auf das Motiv, das sich durch die ganze Bischofsmesse ziehen wird: Hoffnung.

Lesungen und Evangelium, vor allem aber die Predigt von Walter Kardinal Kasper, werden sich mit dem auseinander setzen, was man innerhalb der irdischen Welt nicht erreichen kann. Das passt zum 5. November, dem Todestag von Bernhard Lichtenberg, langjähriger Dompropst in St. Hedwig und Opfer des Nazi-Regimes.

Kasper, bis vor einem Jahr Bischof in Rottenburg-Stuttgart, dann zum Kardinal ernannt und heute Präsident des Päpstlichen Einheitsrates, weilte zu einer Ökumene-Tagung in Berlin. Da war der ehemalige Assistent des kritischen Tübinger Theologen Hans Küng ebenso willkommen wie in der Sonntagsmesse.

In der zweiten Lesung aus dem ersten Brief des Petrus (3,14-17) wird bereits ein harter Brocken vorgetragen: "Denn es ist besser, wenn es Gottes Wille ist, dass ihr um guter Taten willen leidet als um böser Taten willen." Und die Verheißungen im Matthäus-Evangelium zum Gedenktag an den 1996 selig gesprochenen Bernhard Lichtenberg sind ebenfalls eine Herausforderung an Gemeinde und Prediger: "Ihr werdet gehasst werden von jedermann um meines Namens Willen." (10,17-22)

Walter Kasper setzt diesen düsteren Vorhersagen das Konzept christlicher Hoffnung entgegen. Die Auferstehung begründe die Hoffnung, dass das Leben den Sieg davongetragen habe. In dieser Sicherheit habe Bernhard Lichtenberg öffentlich für die verfolgten Juden beten, die zweijährige Haft und schließlich den Tod auf dem Transport ins Konzentrationslager Dachau durchstehen können. "Linie und Konsequenz im Leben" - das sei das Beispiel Lichtenbergs für heute.

"Das Blutzeugnis wird von keinem von uns verlangt", sagt Kasper. Doch eine Verpflichtung erwachse aus dem Opfertod Bernard Lichtenbergs schon: für ein Eintreten in Sachen Gerechtigkeit, für ein Leben in Würde von Anfang bis Ende - Unabhängigkeit vom Beifall der großen Masse. "Leider fehlt es uns oft an der Zivilcourage", sagt Walter Kasper zum Ende seiner Predigt. Er selbst hatte sich im Vatikan unbeliebt gemacht, weil er für den Verbleib der Schwangerenberatung bei der katholischen Kirche eingetreten war.

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