SONNTAGS um zehn : Den Verführungen trotzen

In Kladow predigt der Pfarrer über den Apostel Paulus.

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Als die Glocken der alten Kladower Dorfkirche zu läuten begannen, ließ der Regen nach. Trotz der Ferienzeit versammelten sich gut 30 Gottesdienstbesucher auf den Kirchenbänken. Pfarrer Martin Kusch wirkte erleichtert. Er habe schon überlegt, wer sich heute wohl auf den Weg machen würde, gestand er seiner Gemeinde zu Beginn. Und dann ging es im Eiltempo durch die Liturgie: Psalmgebet, Epistel, Evangelium. Dazu eine Anekdote aus der früheren Gemeinde des Pfarrers, Wittbrietzen im Brandenburgischen.

Schon nach 20 Minuten bestieg Kusch die Kanzel. Als „anstößig“ charakterisierte er den Bibeltext des Sonntags: Der Apostel Paulus schreibt an die Gemeinde in Korinth und macht ihr Vorwürfe. „Korinth hatte damals den Ruf, den in den letzten Jahren vielleicht Sankt Pauli hatte“, erklärt Kusch. Der Apostel ermahnt die Gemeinde, sich nicht verführen zu lassen. „Das gilt heute auch noch – es gibt Verhaltensweisen, die uns vom Reich Gottes trennen“, sagt Kusch. So habe er noch zu DDR-Zeiten nach Hamburg reisen dürfen. Nach seiner Rückkehr hätten ihn seine Gemeindeglieder gefragt, ob er auf der Reeperbahn gewesen sei. „Ja, aber Ostgeld nehmen die da nicht“, antwortete der Pfarrer. „Es ist zwar alles möglich, aber es dient nicht alles dem Guten.“ Auch die heutigen Debatten über Spenderorgane und Sterbebegleitung gingen in diese Richtung. „Wenn es stimmt, dass Christus uns von unseren Sünden erlöst hat, dann müssen wir uns nicht unter ein neues Joch begeben.“

Der Organist allerdings musste an diesem Sonntag genau das tun. Nach der Predigt bat der Pfarrer um Verständnis dafür, dass der Kirchenmusiker noch in der Schilfdachkapelle am Groß-Glienicker See spielen müsse. Die beiden letzten Lieder sang die Gemeinde a cappella. Das klang sogar melodischer als zur Musik der alten Orgel. Benjamin Lassiwe

Die Gemeinde im Web:

www.ev-dorfkirche-kladow.de

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