SONNTAGS um zehn : Der Glaube als Navigationshilfe

Johanna Haberer will Bischöfin werden. Jetzt hielt sie ihren Probegottesdienst.

Claudia Keller
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Bischofskandidatin. Johanna Haberer predigte in der Marienkirche. -Foto: ddp

Es ist Sonntag, 15 Uhr, dieselbe Kirche, dieselben Gäste. Selbst das Wetter am gestrigen Sonntag war genauso verregnet wie eine Woche zuvor. Die Startvoraussetzungen für Johanna Haberer, die zweite Kandidatin, die sich um das Bischofsamt der evangelischen Landeskirche bewirbt, sind identisch mit denen von Rüdiger Sachau, der vergangene Woche in der Marienkirche am Alexanderplatz seinen Probegottesdienst hielt. Aber die Welt hat sich verändert. Der Amoklauf von Winnenden hat Schüler und Eltern, Lehrer und Politiker tief verunsichert. Wie wird Johanna Haberer darauf reagieren?

Die Predigt basiert an diesem Sonntag auf einem Abschnitt aus dem Lukasevangelium, in dem Jesus von seinen Jüngern Gefolgschaft um jeden Preis verlangt. Er gestattet ihnen nicht mal, sich von ihren Liebsten zu verabschieden oder ihre Toten zu bestatten. Johanna Haberer ist aus Süddeutschland angereist, man hört es am rollenden „R“. Sie ist 52 Jahre alt und Professorin für Christliche Publizistik und Vizepräsidentin der Universität Erlangen-Nürnberg. Jesus sei hart zu seinen Jüngern, weil er den „Preis für den Ernstfall“ nenne, sagt Haberer. „Nachfolge bedeutet heimatlos sein, jeden Morgen Koffer packen, immer ein Adieu auf den Lippen.“ Die Theologin benutzt viele tagesaktuelle Begriffe, da wird der „Preis hochgetrieben“, das Reich Gottes schafft eine „neue Steuerungssoftware“, Glaube ist das „Navigationsprogramm“. Die Predigt hat etwas irritierend Aktualitätsheischendes, ohne wirklich in der Gegenwart anzukommen, ohne die Hilflosigkeit der vergangenen Tage aufzunehmen.

Was ist die Verheißung, die Jesus seinen Jüngern für den hohen Preis verspricht? „Eine andere Welt, in der kein Schmerz mehr sein wird und kein Leid und kein Geschrei“, sagt Haberer und ruft auf, die Welt zu verändern. Dann ist sie bei der Kürzung der Bonuszahlungen an Manager und, na klar, beim Kampf für Religionsunterricht an den Berliner Schulen. Das seien Schritte in die richtige Richtung. Einmal kurz streift sie „das Totenreich der Sinnlosigkeit und des Hassens“, in dem Kinder versinken, wenn sie keine Orientierung erfahren. Erst in der Fürbitte nach der Predigt spricht sie deutlicher an, was so viele vergangene Woche bewegt hat. Haberer bittet Gott um „Wärme in einer Welt, in der Kinder in der Schule erschossen und Kinder alleine gelassen und zu Mördern werden“.

Nach dem Gottesdienst muss jeder Bischofsanwärter seine Perspektiven für die Berliner Landeskirche darlegen. Johanna Haberer mogelt sich um die Aufgabe herum, sie kenne die Berliner Verhältnisse nicht gut. Ein solches Urteil brauche Zeit und eine „Beheimatung in dieser Kirche“. Aber Haberer will Mitte Mai Bischöfin werden. Werden zwei Monate ausreichen für ihre „Beheimatung“? Die „Reformdekade“ der evangelischen Kirche jedenfalls, die Bischof Huber so energisch angestoßen hat, scheint für Haberer nicht im Vordergrund zu stehen. „Die Kirche kommt heute marktfähiger daher, schnittiger und effektiver.“ Nun müsse die Selbstbespiegelung der Kirche ein Ende haben. Jetzt müssten Pfarrer und Seelsorger „Wärme in einer sich abkühlenden Gesellschaft verbreiten“. Lasst uns hinausgehen in die Gesellschaft, fordert Haberer ihre Zuhörer schließlich auf. Ein guter Ansatz. Das sahen auch viele Zuhörer so und dankten der Theologin mit anhaltendem Applaus. Claudia Keller

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