SONNTAGS um zehn : Die Ehe als Lernprozess

In Johannisthal erklärt der Pfarrer, warum Jesus die Scheidung ablehnte

Thomas Loy

Die Kirchenglocken in Johannisthal hängen tiefer als üblich. So ungefähr auf fünf Metern Höhe. Das macht den Schall härter und durchdringender. Sehen kann man die Glocken von der Straße aus nicht, auch der Kirchensaal verbirgt sich hinter einem einfachen Wohnhaus. Viele im einst sozialistischen Johannisthal wissen gar nicht, dass sie eine Kirche haben.

Bevor die Gemeinde den Bau übernahm, vor ungefähr 90 Jahren, war es ein Kino. Deshalb blickt der Pfarrer vom Altar aus auf ansteigende Bankreihen. Eberhard Iskraut, eigentlich im Ruhestand, macht heute Gottesdienst-Vertretung. Er war 20 Jahre Pfarrer hier, bis 1997. Der schlichte, atypische Kirchensaal hat ihn nie gestört. So fiel es leichter, mal einen Witz in die Predigt einzuflechten, erzählt er. Das hätte er sich in einem klassischen Sakralbau nicht getraut.

An diesem Sonntag bleibt Iskraut ernst. Vielleicht liegt es am Thema: „Die Ordnungen Gottes“. Vor der Predigt liest ein Gemeindemitglied aus dem Markus-Evangelium den Dialog über Ehe und Scheidung zwischen Jesus und den Pharisäern. Der letzte Satz wirkt wie das Einfallstor für christlichen Fundamentalismus: „Was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden.“

Für Iskraut stimmt dieser Satz. Aber nur, wenn man ihn nicht so „erdrückend, gesetztlich und verurteilend“ nimmt, wie er klingt. Im Alten Testament sei zu lesen, dass man sich durchaus scheiden lassen könne, aber nur als Entlassung der Frau durch ihren Mann. Andersherum ging das nicht. Diese Ungleichbehandlung habe Jesus aufheben wollen, indem er sich gegen die Scheidung aussprach.

Gott habe Mann und Frau füreinander geschaffen, damit sie „ein Leib werden“. In der Ehe erkenne der eine im anderen einen Teil seiner selbst. Wer diesen „Lernprozess“ vorzeitig abbreche, füge auch sich selbst einen Schmerz zu. Scheidung sei als „Notlösung“ zu betrachten, wenn die Ehe zur Hölle geworden ist.

Das mit dem Einswerden zweier Menschen funktioniere auch bei homosexuellen Paaren, findet Iskraut. Manchmal führten Lesben oder Schwule den traditionellen Ehepaaren „in beschämender Weise“ vor, wie man zusammenleben sollte. Iskraut hat sich für die Einsegnung homosexueller Paare eingesetzt. Die Gemeinde sei ihm gefolgt, erzählt er. Ein guter Freund allerdings verließ deswegen die Kirche. Thomas Loy

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