Berlin : Sonntags um zehn: Die ganz andere Chanukka-Feier

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Heute geht Chanukka, das Fest der Lichter, zu Ende. In der 1897 erbauten Synagoge in der Oranienburger Strasse 97 wurde des Festes ein wenig anders als in den übrigen jüdischen Gottesdiensten der Stadt gedacht. In dem Gebäude, das mit seiner orientalisch anmutenden goldenen Kuppel ein Wahrzeichen des jüdischen Lebens in Berlin ist, beginnt an jedem Samstagmorgen um 10 Uhr der Gottesdienst in einem schlichten Raum. Was erstmalige Besucher in der Synagoge am meisten überrascht, ist die geradezu karge Bescheidenheit des heutigen Gebetsraumes. Wie das Klassenzimmer einer Dorfschule sieht er aus mit seinen Holzstühlen und Betpulten. An jedem Wochenende wird hier die "Prinzessin Sabbat" geehrt. Es ist die bildliche Huldigung des siebten Tages der Woche, den Gott den Menschen zur Ruhe gebot und stammt aus dem Talmud. Was den Gottesdienst in der Oranienburger Strasse grundsätzlich von den anderen in der Stadt unterscheidet, ist seine besonders liberale Ausrichtung. Wo sonst erhebt sich schon die klingende Altstimme eine Frau zum Vorsingen des Gebets? Nicht nur, dass Männer und Frauen gleichberechtigt nebeneinander sitzen und gemeinsam am Gottesdienst teilnehmen - nach konventionellen Massstäben unmöglich - nein, auch die Rolle des Vorbeters (Kantor), sonst ausschliesslich Männern vorbehalten, wird hier von einer Frau ausgeübt.

Die 28 jährigen Avitall Gerstetter ist die erste Kantorin einer jüdischen Gemeinde in Deutschland. Nirgends sonst werden die alttestamentarischen Verse und Gebete mit einer solch glockenreinen weiblichen Opernstimme zum Leben erweckt. Nachdem die in Samt eingeschlagenen Tora-Rollen feierlich wieder ihren Platz im Schrein eingenommen haben und die Abschlussgebete gesprochen sind. Man geht gemeinsam zum Kiddusch, dem Segensspruch über den Wein, in den Nebenraum. Danach sitzen alle, heftig über Politisches diskutierend oder einfach plaudernd beim Sabbatmahl zu Brot, Heringshappen und Eiersalat beisammen. Und das ist der eigentliche Sinn: Zusammen zu sein, mit Freunden und der Familie.

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