Berlin : Sonntags um zehn: Die Hoffnung bleibt

Jörg-Peter Rau

Statt eines Adventskranzes werden in diesem Gottesdienst ganz andere Dinge rund um den Altar aufgebaut: ein Globus, eine Uhr, eine Regenbogenfahne, Medikamente, Kondome. Zur Gabenbereitung bringen die Gäste in der evangelischen Kirche am Lietzensee nicht nur Brot und Wein nach vorn, sondern eben auch all die anderen Dinge, die ihnen wichtig sind.

Der 1. Dezember ist nicht nur der Vorabend des ersten Advents, sondern auch Welt-Aids-Tag. So stehe der Globus für die weltweite Bedrohung durch Aids, sagt Bruder Andreas Brands, und erinnere an das Unrecht, dass die Menschen in vielen Teilen der Erde keinen Zugang zu modernen Therapien hätten. Der Franziskanerbruder engagiert sich gemeinsam mit Pfarrerin Dorothea Strauß und dem anglikanischen Reverend Christopher Jage-Bowler in der Ökumenischen Aids-Initiative "Kirche posit-hiv", und gemeinsam tragen sie aus einem großen Totenbuch die Namen derer vor, die im vergangenen Jahr neu eingetragen wurden.

Die Lesung, die Hanna Renate Laurien, Schirmherrin der Initiative vorträgt, setzt einen Kontrapunkt gegen die bisweilen fast beklemmende Atmosphäre. "Lasst uns festhalten an dem Bekenntnis der Hoffnung und nicht wanken, denn er ist treu, der sie verheißen hat", heißt es im Hebräerbrief. Das Festhalten an der Hoffnung wie auch die Sehnsucht nach der Erlösung zieht sich durch den ganzen Gottesdienst.

Eine flammende Predigt gegen die Ausgrenzung von HIV-Positiven und Aids-Kranken muss Wolfgang Huber an diesem Abend nicht halten. Diejenigen, die gekommen sind, haben das wohl gar nicht nötig. Statt dessen bezieht er sich auf den Tag, der naht: Es geht um die Geburt des Erlösers, um das gemeinsame erwartungsfrohe Ausharren im Advent (den es gegen die Kommerzialisierung zu verteidigen gelte), aber auch um das Warten auf den Tod für unzählige Aids-Patienten, denen die Chance auf Therapie noch immer verweigert werde. Der Blick nach vorn, auf die Ankunft Gottes in der wehrlosen Gestalt eines Kindes: Das trage alle Gemeinschaften - und diese ganz besonders. "Hoffnung in leeren Händen", hatten sie als Motto für den Gottesdienst formuliert. Und damit den Zwiespalt aus Hoffnung und Verzagen formuliert - einen Zwiespalt, der weit über die Gruppe der an diesem Abend Versammelten hinausgehe, einen Widerspruch, in dem Menschen mit Aids "exemplarisch für alle" stünden. Auflösen könne diesen Zwiespalt nur er Glaube. Denn es seien drei "Einladungen", die der Hebräerbrief ausspricht: Das Angebot einer Hoffnung, die sich nicht ablenken lassen, die Idee des aufeinander Achtens. Die, die zum Gottesdienst gekommen sind, haben die Einladungen angenommen.

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