Berlin : Sonntags um Zehn: Die Täuflinge strömen zum Becken

hema

Hoch zu Ross und mit Pauken und Trompeten zog gestern Abend der "Heilige Martin" vom Gustav-Müller-Platz zum Crellemarkt. Im Gefolge sicher einige der Mädchen und Jungen, die sich gestern Vormittag in der weinbewachsenen Königin-Luise-Gedächtnis-Kirche auf "der roten Schöneberger Insel" taufen ließen. Ob der Kiez um die runde Kirche auf dem Gustav-Müller-Platz noch so "rot" ist, wie Anfang des vergangenen Jahrhunderts, muss offen bleiben. Vom viel bemühten Glanz und Glamour des "neuen Berlin" ist zwischen Kolonnen- und Leber-Straße nichts zu merken. Unzählige leerstehende Geschäfte zeugen eher vom allmählichen Niedergang der Gegend zwischen den S-Bahngleisen. Um so augenfälliger das blühende Gemeindeleben der Kirche, die zu ihrer Grundsteinlegung am 23. Dezember 1910 den Namen der Königin Luise von Preußen erhielt - weil ihr 1793 beim Einzug in ihre künftige Residenz in Schöneberg der erste Willkommensgruß entboten wurde und "sie in ihrer hehren Einfachheit ihre Größe hath".

Lange vor Beginn des Taufgottesdienstes strömten gestern die Besucher in die wohlig warme Kirche. "So voll ist es nicht immer", wusste der elfjährige Alex, der mit anderen aus seiner sechsten Klasse der Havelland-Grundschule miterleben wollte, wie seine Freunde Timo und Lukas getauft wurden. Die nicht allein - sechzehn Mal rief Pfarrer Martin Kirchner Jugendliche im Alter von 12 und 15 Jahren zum Taufbecken. In einfachen, verständlichen Worten hatte er zuvor an den Heiligen Martin erinnert, der Nächstenliebe praktizierte, indem er seinen Mantel mit einem Bettler teilte. Diese Nächstenliebe Gottes werde nun auch den Täuflingen zuteil - "Wendet euch zu mir, so werdet ihr gerettet" stand auf einem bunten Papp-Posament seitlich im runden Kirchenschiff.

Beten ist die Sprache des Glaubens, erklärte der Pfarrer das Gleichnis von der bittenden Witwe aus dem Lukasevangelium. Um Hilfe bitten könnten sie nun auch. Die Taufe verpflichte sie Gottes als Gesprächspartner - "er hört zu in Sorgen und Nöten, das ist eine große Chance für Euer Leben".

Ihre Chance nahmen Denise, Timo, Melanie, Nathalie, der seine Mutter schon überragende Marko, die zarte Tanja, Naomi und wie die Täuflinge alle hießen, mit altersgemäßer ungelenker Verlegenheit entgegen. Julia als Kleinste musste von ihrem Vater ans Taufbecken gehoben werden; bei Lukas und Denis fielen die kleinen Brüder neugierig fast mit hinein. Bei der Taufe des dunkelhaarigen Na¬jin rief der Pfarrer dessen mit einem Piratenkopftuch geschmückten Bruder Rûshen mit nach vorn, in der Gemeinde Jugendleiter und jetzt so verlegen, dass er die Hände nicht aus der Hosentasche bekommt.

"Viel Glück und viel Segen" lobpreist die Gemeinde dann die Täuflinge - diesmal singen alle kräftig mit. "Ein Viertel der Eltern ist nicht christlich", erklärt nach dem Taufgottesdienst Martin Kirchner den verhaltenen Chor. "Sympathisanten" seien sie aber durch ihre Kinder und oft aktiver als "Eingetragene". Die gestrigen "Neuzugänge" erwuchsen durch die Gemeindearbeit, immerhin 30 Konfirmanden gibt es - die "Kirche auf der Insel" ist nicht zu überhören.

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