SONNTAGS um zehn : Durst nach Leben

Jugendliche gestalten den Gottesdienst in Mariendorf-Süd

Sigrid Kneist

Die Klänge sind eher ungewohnt für den Beginn eines Gottesdiensts. Statt eines gesetzten Orgelvorspiels tönen „Wir sind Helden“ mit „Guten Tag“ aus den Boxen. „Ich tausch nicht mehr, ich will mein Leben zurück“, singt die Frontfrau der Helden, Judith Holofernes. Ohnehin bleibt die Orgel an dem Sonntag stumm; eine Band sorgt für die Begleitmusik. Die wird durchaus schon mal mit ordentlichem Applaus bedacht. Was an einem anderen Tag vielleicht Befremden auslösen könnte, ist an diesem Morgen in der evangelischen Kirchengemeinde Mariendorf-Süd normal und für die meisten Gottesdienstbesucher genau passend. Ihr Altersdurchschnitt ist nämlich außergewöhnlich in dieser Zeit, in der sich viele Gemeinden um die Überalterung ihrer Mitgliederstruktur sorgen: Er liegt weit unterhalb der Zwanzig. Es ist Jugendgottesdienst.

Der Saal im schlichten, unscheinbaren Funktionsbau aus den fünfziger Jahren, den man vom Mariendorfer Damm aus kaum als Kirche erkennen kann, ist voll. Denn die kleinste der drei Gemeinden in Mariendorf kann auf eine große Zahl von Konfirmanden blicken. 90 Jungen und Mädchen besuchen in zwei Jahrgängen derzeit den knapp zweijährigen Unterricht, bei dem sie auch von gut 40 Jugendlichen als Teamern betreut werden. Der Besuch von 30 Gottesdiensten ist für die „Konfis“ vorgeschrieben. Die Jugendarbeit ist der Gemeinde wichtig und war ein Schwerpunktthema in diesem Jahr. Daraus resultierte die Idee des etwas anderen Gottesdiensts für diese Zielgruppe.

Er steht unter dem Motto „voll satt, voll Durst“ und ist angelehnt an die Geschichte aus dem Johannes-Evangelium, in der Jesus durch das Land der mit den Juden verfeindeten Samaritaner zieht und dort eine Frau am Brunnen um Wasser bittet. Mit einer Gruppe von Teamern hat Pfarrer Andreas Rütenik den Gottesdienst gestaltet und weitere Elemente neben Predigt oder Lesung eingebracht, um das Thema mit aktuellen Bezügen rüberzubringen. Ein Rollenspiel erzählt von den Begehrlichkeiten und den Erkenntnissen eines Obdachlosen und eines Jungen aus gutem Hause.

„Was macht uns satt? Wonach dürsten wir?“, lauten die Fragen, auf die die Predigt – die natürlich auch nicht fehlt – Antworten suchen will. „Nichts kennzeichnet unsere Zeit und unsere Gesellschaft stärker als die stets wachsende Gier nach immer schnellerer Befriedigung immer schneller wachsenden Bedürfnisse“, sagt Rütenik. Aber iPod, Skateboard oder teure Klamotten, die Statussymbole des Jungen aus dem Rollenspiel, reichen nicht für ein erfülltes Leben. Sigrid Kneist

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