SONNTAGS um zehn : Ein Ständchen zur Heirat

Auch die Finanzkrise ist Thema im Gottesdienst

Benjamin Lassiwe

Gaby und Harry Schröder sitzen in der fünften Reihe, als die Orgel in der zur evangelischen Felsengemeinde gehörenden „Kirche am Eichhorster Weg“ erklingt. Für sie wird es ein besonderer Gottesdienst, doch davon ahnen die Christen in dem unscheinbaren Gotteshaus am Märkischen Viertel vorläufig nichts. So wie auch an anderen Sonntagen feiert Pastor Tilo Birkholz, eigentlich schon Ruheständler, die Liturgie. In seiner Predigt spricht er über die Finanzkrise.

„Viele Menschen haben Angst, dass die angesparte Rücklage für schlechte Zeiten nun verloren ist“, sagt Birkholz. Das Wort Gier habe durch die Bankenkrise neue Bedeutung bekommen: „Es läuft mir kalt den Rücken herunter, wenn ich sehe, wie Manager selbst nach Millionenpleiten Abfindungen bekommen.“ Es müsse „Schluss sein mit der unendlichen Gier, die die Welt zugrunderichtet“, sagt der Pastor. „Beginnen wir selbst – damit, dass wir festhalten an Gottes Wort und danach handeln.“ Beim nächsten Lied naht die Überraschung. Der Pastor und eine Helferin stellen zwei Stühle vor den Altar. Harry und Gaby Schröder kommen nach vorne. Die beiden im Kirchenchor engagierten Reinickendorfer hätten vor kurzem standesamtlich geheiratet, erklärt Pastor Birkholz. Eine kirchliche Trauung hätten sie nicht gewollt, um den Segen Gottes für ihre Ehe bitten wollten sie aber schon.

„Ich wünsche Euch, dass Gottes Liebe Euch verbindet“, sagt Tilo Birkholz. Anschließend betet er für das schon ältere Paar, segnet es. Dann holt der Pastor von hinter dem Altar ein orangefarbenes Mikrofon hervor, das an einen Ghettoblaster angeschlossen ist. Ein Gitarrenplayback ertönt. Mit sanfter Stimme singt der Pfarrer ein Lied des Liedermachers Manfred Siebald: „Was wir so fest in Händen halten, das ist uns alles nur von Gott geliehn. Wir dürfen es verwalten, wir dürfen es gestalten und geben es zurück an ihn.“ Schade, dass die Manager diverser Banken an diesem Sonntag nicht den Gottesdienst besuchten. Benjamin Lassiwe

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