SONNTAGS um zehn : Eine gemeinsame Verantwortung

In der Philippus-Kirche in Friedenau beteten Juden und Christen gemeinsam

Heidemarie Mazuhn

Es war der 14. Begegnungsgottesdienst zum sogenannten Israelsonntag, und wieder füllte sich gestern die evangelische Philippus-Kirche in Friedenau. Seit dem 16. Jahrhundert gibt es diese Tradition in protestantischen Kirchen. Nicht immer diente der zehnte Sonntag nach Trinitatis der Besinnung auf jüdische Wurzeln sowie der Beziehung zwischen Juden und Christen. Denn der Israelsonntag bezieht sich auf die Zerstörung des Jerusalemer Tempels und wurde als göttliche Strafe für die Juden verstanden, die in Jesus nicht den Messias erkannt haben.

Schon vor dem Begegnungsgottesdienst zeigte sich: Ungetrübt ist das jüdisch-christliche Verhältnis nicht. Die Teilnahme des Berliner Rabbiners Andreas Nachama erforderte Polizeipräsenz um das Gotteshaus in der Stierstraße. Gefährlich auffällig wurde allerdings niemand – allenfalls ein wenig laut. Der jüngste der ansonsten überwiegend älteren Kirchgänger, ein Blondschopf fast noch im Windelalter, kommentierte fröhlich krähend den Gottesdienst, den Pfarrer Wolfgang Blech leitete. Orgel, Keyboard und Kontrabass begleiteten das Geschehen, und die junge Kantorin Esther Hirsch sang mit glockenheller Stimme jüdische Gebetslieder.

Um das höchste Gebot der Christen und Juden ging es – im Markusevangelium beantwortet Jesus diese Frage. „Höre, Israel“, steht da, „dass das höchste Gebot der Herr allein ist.“ Jesus sagt aber auch das andere Gebot, nach dem man seinen Nächsten lieben soll wie sich selbst. „Höre, Israel, der Ewige ist Gott, der Ewige ist einzig“, heißt es im „Schma Israel“ – hebräisch für „Höre!“ – dem Glaubensbekenntnis der Juden zur Einheit und Einzigkeit Gottes und den Geboten dazu. Gemeinsam zu beten, sei für Juden und Christen nicht selbstverständlich, sagte Andreas Nachama. Die Gebote zu befolgen, um Gottes Schöpfung zu erhalten, aber sei eine gemeinsame Verantwortung. „Das sollen wir sehr ernst nehmen.“ Heidemarie Mazuhn

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