Berlin : Sonntags um zehn: Erntedank fürs Überleben

Jörg-Peter Rau

Mancher Fleischer, sagt Dompfarrer Alfons Kluck, werde in diesen Tagen sagen: Gottseidank, dass ich die vergangenen zwölf Monate überstanden habe: BSE in Deutschland, Maul- und Klauenseuche vor der Haustür, verunsicherte Verbraucher, die am liebsten nur noch Gemüse essen möchten. Und dieses Gefühl der Erleichterung oder des Überlebthabens, "das ist eben auch eine Art von Erntedank", leitet Kluck seine Predigt ein. Rund um den Altar sind Gaben aufgebaut: Kunstvoll verzierte Brote, Dauerwurst, Ähren - die Handwerker der Bäcker-, der Konditoren- und der Fleischerinnung feiern in der St.-Hedwigs-Kathedrale mit einer Messe die Gaben der Erde und die Frucht menschlichen Schaffens, wie es auch in der katholischen Liturgie zur Wandlung heißt.

Doch Erntedank ist mehr als die Freude über das Überleben des eigenen Betriebs. Erntedank stelle auch Fragen an die Städter, die sich nur wenig Gedanken um gute und schlechte Ernten machen müssten, fährt Kluck fort: Es sei auch ein Tag für gute Vorsätze, für den Versuch, "einen neuen Blick zu bekommen für das, was auf unseren Feldern wächst." Und ein Tag für eine Besinnung, wo das Essen eigentlich herkommt. Wer das versuche, werde über kurz oder lang entdecken, dass "hinter Natur und Mensch noch etwas Drittes, Höheres steht: Gott". Im Evangelium von der Speisung der Zehntausend, bei der nach der Überlieferung bei Markus Christus mit fünf Broten und zwei Fischen eine riesige Menschenmenge versorgte, war es um das Verhältnis zwischen Gott und den Menschen, zwischen dem Schöpfer und seiner Schöpfung gegangen.

In der Lesung, vorgetragen vom Obermeister der Fleischerinnung, Klaus Gerlach, steht eher eine Positionsbestimmung des Handwerks im Vordergrund. In einem zornigen Text aus dem Buch Amos im Alten Testament heißt es: "Das Fest der Faulenzer ist nun vorbei." Schade, dass auf diesen kraftvollen Abschnitt, auf diese Abrechnung mit eitlem Müßiggang in der Predigt nicht weiter eingegangen wird.

"Was uns die Erde Gutes spendet / was unserer Hände Fleiß vollbracht / was wir begonnen und vollendet / sei, Gott und Herr, zu Dir gebracht": Dieses häufig gesungene Lied aus dem katholischen Gesangbuch "Gotteslob" erhält an diesem Vormittag eine doppelte Bedeutung - durch den Anlass, und dadurch, dass Handwerker zwei Körbe mit Gemüse, Brot und Wurst zum Altar bringen. Bei aller Freude und Dankbarkeit vergessen die drei Innungen indessen nicht, dass es auch in Berlin Menschen gibt, denen die Gaben der Erde und das Ergebnis menschlichen Fleißes nur begrenzt zur Verfügung stehen: Hans-Joachim Blauert, Obermeister der Bäckerinnung, überreicht zum Ende des Gottesdienstes einen Scheck für die Arbeit der Caritas. Und die gesegneten Speisen vom Erntedank-Altar werden, so Blauert, in den nächsten Tagen an Menschen verteilt, denen es am Geld fehlt, sich ihren Teil von der Ernte zu kaufen.

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