SONNTAGS um zehn : Feilschen um Gerechtigkeit Gottesdienst in Sankt Thomas von Aquin

in Charlottenburg

Barbara Schneider

Der Orient ist an diesem Morgen in der katholischen Kirche Sankt Thomas von Aquin nur ein paar Worte entfernt: Kamelherden, lautstarkes Feilschen, naturfarbene Frauengewänder und der Klang arabischer und hebräischer Laute. Mit Bildern wie diesen lässt Pfarrer Jörg-Dominik Beckmann seine Gemeinde in der Schillerstraße in Charlottenburg eintauchen in das bunte Treiben auf den Basaren im Orient.

Beckmann lässt die Welt der Bibel lebendig werden. „Die kehligen Laute der arabisch-hebräischen Sprachen – wir hören sie fast“, sagt er, als er vom Schachern und Feilschen Abrahams mit Gott erzählt. Davon, wie Abraham um Sodom und Gomorrha verhandelt, wie er verhindern will, dass Gott diese Städte wegen ihrer vielen Sünden zerstört. „Spannender geht es nicht“, sagt der Pfarrer begeistert. „Es geht um die Frage: Wie teuer ist Gerechtigkeit? Wie billig ist diese Gerechtigkeit zu erkaufen?“

Während Beckmann predigt, hallt seine Stimme leicht in der hohen Hallenkirche nach. 1932 wurde die Kirche als schlichter Waschbetonbau errichtet. Wenige schwarz-weiße Kacheln deuten im Inneren einen Kreuzweg an. Mehrere Stufen führen in den Altarraum, wo in goldener Schrift auf Lateinisch die Worte „Sei gegrüßt, oh Kreuz, einzige Hoffnung“ an der Wand stehen. Der bekannte Religionsphilosoph Romano Guardini hat hier schon gepredigt. Der gebürtige Berliner Beckmann ist seit zehn Monaten nun neuer Pfarrer in der Gemeinde.

Der Sonntagsgottesdienst wirkt wie lange eingespielt: Anstelle von Messdienern in Chorhemden sind mehrere ältere Damen in bunten Blazern an der Messfeier beteiligt. Eine Frau liest die Epistel, eine zweite singt mit kräftiger Stimme die Liturgie, eine dritte teilt zusammen mit dem Pfarrer die Hostien bei der Eucharistiefeier aus.

Die Kirche Sankt Thomas von Aquin ist für Beckmann der erste, aber nicht der letzte Predigtort an diesem Morgen. So holt er nach dem Gottesdienst noch sein Manuskript vom Predigtpult und geht schnell durch die Kirche zum Ausgang. Er muss weiter in die benachbarte Herz-Jesu-Kirche. Statt des Priestergewandes trägt Beckmann nun ein fliederfarbenes, kurzärmeliges Hemd, eine schwarze Umhängetasche darüber. Ein sportiv gekleideter Reisender im Auftrag des Herrn. Barbara Schneider

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