SONNTAGS um zehn : Freiheit und Bratwurst

Die Gedenkkirche Maria Regina Martyrum feiert 50-jähriges Bestehen.

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Festlich. Kardinal Rainer Maria Woelki und Erzbischof Robert Zollitsch beim Gedenkgottesdienst. Foto: Björn Kietzmann Foto: Björn Kietzmann
Festlich. Kardinal Rainer Maria Woelki und Erzbischof Robert Zollitsch beim Gedenkgottesdienst. Foto: Björn KietzmannFoto: Björn Kietzmann

Die Betonwände der Kirche bleiben den ganzen Gottesdienst über kalt, machen sich nicht gemein mit dem wohligen Klima, das im Raum herrscht, wärmen sich nicht an den vielen Menschen, die gekommen sind, an deren Gebeten und Lobpreisungen, und ebenso wenig an deren Aussicht auf Bratwurst und Kaffee später auf dem Gelände. Erbarmungslos kalt bleiben sie, als wollten sie auf ihre Art spürbar machen, worum es in dieser Kirche geht, in der Gedenkkirche Maria Regina Martyrum, erbaut 1963 als Erinnerungsort der katholischen Kirche für die Opfer des Nationalsozialismus: um Menschenverachtung, um Anmaßung und Morde – auch an jenen Menschen, die den Mut hatten, sich dem Regime entgegenzustellen.

Es war an diesem Sonntag also 50-jähriger Jubiläumsgottesdienst am Heckerdamm in Charlottenburg, und der war prominent besetzt. Als die Glocken losdonnern, eilt Kardinal Rainer Maria Woelki auf den Eingang zu. Er wird zu Beginn Blumen und Danksagungen verteilen und mehrfach seine Freude bekunden, dass der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz predigen wird, der „liebe Robert“, Erzbischof Robert Zollitsch.

Zollitsch tritt dann ans Rednerpult, biegt das Mikrofon zu sich hin und formuliert die Frage nach dem Mut der Widerständler, nach dessen Quelle. Er formuliert sie vor einem eng an eng sitzenden Publikum, restlos voll sind die Bankreihen in dem hohen quadratischen Kirchenraum, Stühle wurden dazugestellt, dennoch stehen Menschen seitlings an den Wänden. Woher kommt der Mut?, fragt Zollitsch. Natürlich aus dem Glauben. Aus dem Evangelium. Aus der konsequenten Liebe zu Gott und Jesus Christus, die weiterführe zur Liebe zum Menschen. Er sei darum dankbar, dass nicht wenige Christen und Ordensleute Widerstand geleistet hätten, sagt Zollitsch. Er zitiert Alfred Delp, dessen Name im Untergeschoss der Kirche neben anderen – etwa Graf Helmuth James von Moltke und Bernhard Lichtenberg – in Blei gegossen ist. Delp, der Jesuitenpater, von den Nazis in Plötzensee gehängt, habe gesagt, Brot sei wichtig, Freiheit noch wichtiger, aber am wichtigsten sei die unverratene Anbetung des Herrn. Sie gebe die Kraft, sich fallen zu lassen, den Glauben an das Getragensein. Dass in Plötzensee nicht nur Christen wegen ihres widerständischen Muts und ihrer wackeren Menschlichkeit umgebracht wurden, blieb unerwähnt, ebenso der Umstand, dass die Kirche während der NS- Zeit keine durchweg lichte Rolle gespielt hat. An diesem Jubiläumstag ging es nicht um Zweifel, sondern um Gewissheiten.

Zollitsch wollte aber keine Geschichtsstunde abhalten. Das Gedenken an Vergangenes sei auch Herausforderung, künftige Aufgaben zu definieren. Auch heute stünden Christen mit ihren Ansichten oft einer andersdenkenden Mehrheit gegenüber. Besonders bei jenen Themen, die Lebensanfang und -ende beträfen. Es ging um Abtreibung und Sterbehilfe, ohne das die namentlich vorkamen. Zollitsch rief auf zum mutigen Eintreten für christliche Überzeugungen, zum „Stellungbeziehen für das Leben“. Daran vor allem erinnere die Kirche Maria Regina Martyrum.

Und dann strömen die Menschen nach draußen. Würstchen brutzeln, Kaffee dampft, Tische sind geschmückt. Ein friedliches Festtagsidyll, das vielleicht manchen an Zollitschs Worte erinnerte, dass es ein Segen sei, in einer Demokratie leben zu dürfen. Ariane Bemmer

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