SONNTAGS um zehn : Freunde starker Worte Eine Liedpredigt in

der evangelischen Patmos-Gemeinde

„Zwei“, ruft eine Frau. „Nee, ich hab’ schon Lied Nummer 16 angemeldet“, ein Mann. Die Organistin schaut verwirrt. „Die sollen sich schlagen“, tönt’s von hinten. Gekicher im hölzernen Halbrund der Stuhlreihen. Beim traditionellen Wunschliedersingen am vierten Advent herrscht im unten und oben verglasten Kirchenwürfel der Patmos-Gemeinde immer mal wieder kurz Tumult. Der bleibt aber friedlich, ist ja Steglitz. Die Gritznerstraße liegt still unter dem Winterhimmel. Ein Mann trägt mit rechts einen verschweißten Tannenbaum und zieht mit links einen Schlitten. Der lichte Beton von Peter Lehreckes Anfang der Sechziger im Bauhausstil errichtetem Gemeindezentrum geht direkt ins Weiß ringsum über.

Gastprediger Christoph Markschies, bis vor kurzem noch Präsident der Humboldt Universität, und seine Frau Eva Markschies, ebenfalls Pfarrerin, die beim achtköpfigen Bläserensemble mitspielt, haben einen schmissigen Gottesdiensttitel gewählt: „Swinging Advent – O Heiland, reiß die Himmel auf“. Und so gibt es außer den volkstümlichen Gottesdienstteilen wie frohlockendem Bläsergeschmetter und Wunschlieder, auch eine Liedpredigt. Wie von Kirchenhistoriker Markschies nicht anders zu erwarten, gerät die zu einer wohl gesetzten, pastoralen Lektion über die Entstehung und Bedeutung des Chorals „O Heiland reiß die Himmel auf“, ein bezwingend melodramatisches, eher düsteres Adventslied.

Den Text hat der in Mainz und Würzburg lebende Jesuit und Dichter Friedrich Spee, ein barocktypischer Freund starker Worte und kraftvoller Naturmetaphern, 1623 veröffentlicht. Die Not war groß, der Dreißigjährige Krieg verheerte das Land und nichts war dem Christenmenschen nötiger, als die Ankunft eines Trösters und Erlösers. Dieselbe Sehnsucht erfüllte ein paar tausend Jahre vorher schon den alttestamentarischen Propheten Jesaja vom versklavten Volk Israel. Dessen Psalmworte hat Spee in seinem Lied verarbeitet. „Gott lässt es durch einen kosmischen Wolkenbruch ewigen Frühling werden, damit endlich Schluss ist mit aller Ungerechtigkeit auf Erden“, erklärt Christoph Markschies die Dichtung. Starke Worte auch von ihm. gba

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