Berlin : Sonntags um Zehn: Geld oder Segen

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Im Gottesdienst geht es um den Segen, das Segnen, soll heißen: Gutes zu sagen, das Gut-Sprechen, erklärt Pfarrer Frank Beyer. Gott spreche uns Gutes zu: Frieden, Gesundheit, Glück und auch etwas Geld zum Leben. Die Segnung, ein oft stiller, manchmal unsichtbarer Akt: Beyer erinnert an die Zeit, als seine Großmutter aus Mecklenburg die frischen Brotlaibe umdrehte und ein Kreuz in die Rückseite schnitt. Da sei die Segnung sichtbar, ein Symbol: Schön wäre es, sagt er, könnte man in Symbolen den Segen sehen, öfter, und dann öfter über ihn nachdenken. Mit einem leeren Symbol, einem leeren Ritual sei natürlich niemandem geholfen, es soll anregen: Wichtig sei es, im Alltag nachzudenken, über die Gaben Gottes, über die Segnungen, über das Leben selbst.

Pfarrer Beyer betet für die Arbeitenden und für die Gehetzten: dass sie etwas Zeit für sich fänden, zum Nachdenken. Dann für die Ängstlichen, dass sie die Angst überwinden mögen. Und zuletzt für die Erfolgsverwöhnten, dass sie nicht leichtsinnig oder überheblich würden.

Um einen Segen zu hören, müsse man leise sein, sagt Beyer, heute, in der lauten Zeit, in der Lustgesellschaft voller Trubel: Darin kurz einmal die Einsamkeit zu suchen hieße, sich auf den Weg zu Gott zu machen. Selbst Bank-Manager täten das, auch sie suchten die Ruhe. Er habe von einigen gehört, die Inspiration im Kloster suchten und dafür sogar viel Geld bezahlten. Und wo gäbe es das noch, fragt er, dass ein Vater sein Kind segnete, bevor es auf Reisen geht oder in das Berufsleben einsteigt?

Die Kirche ist ein Neubau, auf Betonsäulen ruht ein Holzdach, statt der Orgel steht ein Flügel neben dem Altar. Nebenan wird auch jetzt gebaut: Die Evangelische Kirchengemeinde am Humboldthain errichtet gerade einen Kindergarten. Um ihn zu bezahlen, will sie ein Grundstück verkaufen: Sie trennt sich vom Gemeindehaus in der Wolliner Straße, nachdem sich die Himmelfahrt- und die Friedensgemeinde vor einer Woche zur Gemeinde mit dem neuen Namen zusammenschlossen.

Zum Kirchen-Kindergarten hätte vielleicht auch ein anderer Weg geführt, sagt Hans-Jürgen Blankenburg, der Leiter im Gemeinderat, doch jetzt ist er froh, ihn nicht gegangen zu sein: Vor drei Jahren gab es ein Angebot der Bankgesellschaft Berlin - ihre benachbarte Außenstelle und die Gemeinde hätten einen gemeinsamen Kindergarten haben können, auf dem Gelände der Bank, betreut von Gemeindemitgliedern. Ein Jahr lang zogen sich die Verhandlungen hin, die Banker waren wohl unschlüssig, ob sie den Kindergarten zusammen mit der Gemeinde wirklich wollten. Am Ende bot die reiche Bankgesellschaft der armen Kirchengemeinde an, den gemeinsamen Kindergarten auf dem Bankgelände zu mieten. Nicht akzeptabel, sagt Blankenburg heute und ist nach der gigantischen Bankenpleite heilfroh, dass es mit der Zusammenarbeit nicht klappte.

Unvorstellbar, sagt Pfarrer Frank Beyer, sechs Milliarden in den Sand zu setzen. So viel Geld gebe es bei der Berliner Landeskirche gar nicht, das sei eine andere Dimension. Die Bankgesellschaft würde seinen Segen wohl nicht bekommen. "Lachen oder Weinen wird gesegnet sein", singt die Gemeinde zum Abschluss, "Segen kann gedeihen, wo wir alles teilen".

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