Sonntags um zehn : Glück kennt keine Hoffnung

Superintendent Barthen geht in den Ruhestand. Noch einmal stieg er in Schöneberg auf die Kanzel. Hunderte nutzten die Gelegenheit zum Abschied nehmen.

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Selbst im Vorraum standen die Menschen in Dreierreihen. Sie saßen auf Bänken, Hockern und dem Fußboden. Die Kirche „Zum Heilsbronnen“ in der Heilbronner Straße in Schöneberg war gestern völlig überfüllt. Denn es galt Abschied zu nehmen von Wolfgang Barthen: Zehn Jahre lang war der Gemeindepfarrer und Superintendent das Gesicht der evangelischen Kirche in Schöneberg. Der Theologe mit der nach vorn geschobenen Lesebrille, den dunklen Haaren und dem durchaus preußischen Erscheinungsbild prägte das Leben in den Kirchengemeinden zwischen Insulaner und Tiergarten.

Dabei war Barthen selbst ein „Spätberufener“: Volkswirtschaft und Politik hatte er an der Freien Universität Berlin studiert. Doch seine Gattin war Theologin, und nach einer Anstellung als „Nichttheologe im Gruppenpfarramt“ und einem Aufbaustudium wurde er Anfang der 80er Jahre ebenfalls Pfarrer. Als gestern die Orgel zu spielen begann, geleiteten Barthen zahlreiche Kollegen im schwarzen Talar hinter dem Vortragekreuz in die Kirche, obwohl sie am Gottesdienst selbst gar nicht beteiligt waren – ein eindrückliches Zeichen der Wertschätzung.

Noch einmal stieg Wolfgang Barthen auf die schlichte Kanzel aus dunklem Holz. Seit er im Jahr 2000 Superintendent und Pfarrer der Gemeinde „Zum Heilsbronnen“ wurde, hat er regelmäßig dort gepredigt. Gestern wurde der Theologe nachdenklich: Barthen sprach über die Sündenvergebung und die Hoffnung der Christen, wie sie im Brief des Paulus an die Gemeinde in Rom geschildert wird. Hoffnung lasse nichts zuschanden werden, heißt es dort, „denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.“ Und das gelte auch in Zeiten der Anfechtung, der Bedrängnis und der Schwäche. „Hoffnung hat nur da ihren Platz, wo Bedrängnis ist“, sagte Wolfgang Barthen. „Menschen, die alles im Griff haben, denen nur das Glück lacht und die sich selbst genügen, kennen die Hoffnung nicht.“ Hoffnung lasse nichts zuschanden werden, wiederholte Barthen. „Und das gilt auch für Margot Käßmann, Bischöfin, Schwester und Kind Gottes, und wir beten es mit ihr und für sie, gerade jetzt. Und sind guter Hoffnung.“

Dann aber war es Zeit für die Entpflichtung: Vor dem Altar der Kirche zum Heilsbronnen sprach Berlins Generalsuperintendent Ralf Meister Wolfgang Barthen von seinen Amtspflichten frei. Weggefährten segneten ihn, seine Gattin und die langjährige Mitarbeiterin. Für den Theologen begann damit offiziell der Ruhestand – doch zunächst wurde gefeiert: Den ganzen Tag lang, erst im Gemeindehaus und dann in der Sankt-Matthäus-Kirche am Kulturforum, nutzten Hunderte Gemeindeglieder die Gelegenheit zum Abschied nehmen. 

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