• SONNTAGS um zehn: Gott mag keine erhobenen Zeigefinger Warum man sich bei den Methodisten

SONNTAGS um zehn : Gott mag keine erhobenen Zeigefinger Warum man sich bei den Methodisten

in Kreuzberg willkommen fühlt

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Die Klaviermusik war schon im Treppenhaus zu hören. Ein fröhliches „Guten Morgen“ folgte, im ersten Stock, am Eingang zum Kirchenraum der evangelisch-methodistischen Christuskirche an der Kreuzberger Dieffenbachstraße. Wer es trotz der Ferien in den Gottesdienst geschafft hatte, fühlte sich willkommen in dem im nüchternen, reformatorisch weiß gehaltenen, neugotischen Kirchenraum, hinter dessen Altar eine monumentale Holzkanzel an manchen strengen Prediger früherer Zeiten erinnerte.

Auch Pastor Gabriel Straka stieg im Gottesdienst ihre Stufen empor, einen gefühlten Meter stand er über der Gemeinde. Doch der im schwarzen Anzug mit Priesterkragen predigende Geistliche hatte stets ein Lächeln auf den Lippen. Locker und entspannt, aber nie anbiedernd sprach er zu seinen Zuhörern. Es war diese ungezwungene Freundlichkeit des Pastors, die den Höhenunterschied zur Kanzel überwinden half, als Straka über „ein Stück Weltliteratur“ sprach, nämlich das Gleichnis vom verlorenen Sohn. „Eine Geschichte voller Symbole und großer Gefühle“, sagte Straka. „Es wird geschlachtet, gesungen, getanzt und gefeiert.“

Aber auch das eigene Leben spiegele sich in der Geschichte des Sohnes wieder, der sein Erbteil einfordert, es verspielt und am Ende zum Unwillen des älteren Bruders vom liebenden Vater wieder zu Hause aufgenommen wird. „Wo könnte unser Platz in der Geschichte sein?“, fragte der Pastor der seit über einhundert Jahren in Kreuzberg aktiven Freikirche seine Zuhörer. Seine Antwort überraschte: „Ich bin der ältere Sohn.“ Bodenständig habe der es zu etwas gebracht, „er war schon immer dabei, auch in der Gemeinde“. Der Jüngere dagegen habe nach Freiheit gesucht, sei ungeduldig gewesen, immer wieder sei er aufgebrochen, immer wieder habe es Brüche in seinem Leben gegeben.

„Aber ich glaube, dass auch der Ältere ein verlorener, ein übersehener Sohn ist“, sagte Gabriel Straka. „Sein Leben ist so normal, dass sich keiner über ihn Gedanken macht, er empfindet eine gefühlte Benachteiligung.“ Er sei wie die alten, verdienten Gemeindeglieder, die sich manchmal etwas zurückgesetzt fühlten, wenn ein neuer, cooler Typ in die Gemeinde komme, dem dann alle hinterherliefen. Eine alte Diakonisse in der Gemeinde nickte bei diesen Worten ihres Pastors fast unmerklich mit dem Kopf.

Doch beide Söhne hätten ein gemeinsames Zuhause: bei Gott, der wie ein Vater sei. „Moralpredigten sind ihm fremd, er droht nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, er ist kein mächtiger Imperator von ungeklärter physikalischer Natur“, sagte Straka. „Stellt euch Gott vor wie einen Vater, der seine Kinder umarmt und ein großes, fröhliches Fest gibt, wenn sie nach Hause kommen!“ In der Kreuzberger Gemeinde war das gestern sehr gut vorstellbar. Denn nicht nur der ältere Sohn, auch der Fremde war willkommen in der lebendigen Methodistengemeinde direkt im Gräfekiez: Selbst als sich die Christen anschließend noch zu einer Tasse Kaffee im Kirchencafé trafen, blieb niemand alleine in der Ecke stehen. Benjamin Lassiwe

Die Gemeinde im Internet: www.emk-kreuzberg.de

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