SONNTAGS um zehn : Gott zum Genießen

Die Melanchthon-Gemeinde in Kreuzberg feiert Erntedank

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Kalt ist es geworden, Laub fegt über die Wiesen, auf dem Wasser des Landwehrkanals schimmert die Sonne nur noch schwach. Die Krähen rufen den Herbst aus. Zeit für Erntedank per Kirchenlied: „Großer Gott, wie loben dich / Herr, wir preisen deine Stärke / vor dir neigt die Erde sich / und bewundert deine Werke.“

Die evangelische Melanchthon-Gemeinde am Planufer in Kreuzberg feiert das Fest als Familiengottesdienst. Ein Hauch von Prenzlauer Berg: Viele Kinder, junge Eltern, aber dazwischen auch Ältere, Erfahrene. Ein schöner Kreuzberger Querschnitt. Brote auf dem Altar, Getreideähren, Kürbisse. Dieser Gottesdienst ist ein Fest der Farbe. Tut gut in dem eher grauen Gebäude. Die alte Kirche musste dem Urban-Krankenhaus weichen, die Gemeinde hat das neue Haus 1955 auf einem Ersatzgrundstück errichtet. Als Kirche war es nie geplant. Jetzt fällt Licht durch große Fenster, bunt ist das Kreuz, orange und fröhlich die Sitzpolster.

Pfarrer Holger Schmidt, seit 14 Monaten im Amt, vertritt die Ideen der liturgischen Bewegung, er trägt ein weißes Gewand – eine sogenannte Albe – und grüne Stola statt schwarzem Talar. Mehrmals im Monat feiert er die ursprüngliche lutherische Messe, die wesentlich farbenfroher war. „Wir wollen die Freude an Gott betonen, nicht das Lehrhafte“, sagt er. Auch die Predigt von Diakonin Lea Baumann geht in diese Richtung. Ihr Ausgangspunkt ist Johannes 2, die Hochzeit zu Kana, auf der Jesus Wasser in Wein verwandelt. Für Baumann der Beweis: „Wir haben einen genussvollen, einen kreativen Gott. Einen Gott, der Lebensquell ist, den wir anzapfen können.“ Den Kindern wird das uralte Erntedankritual in Form eines kleinen Theaterspiels beigebracht. Dann wieder Gesang: „Er schenkt uns so viel Freude / er macht uns frisch und rot / er gibt den Kühen Weide / und unsern Kindern Brot.“ Das diese dann auch prompt an die Gemeinde weiterreichen, in Form von kleinen Sauerteigbrötchen. So lernen schon die Kleinen, dass Erntedank auch die Zeit des Teilens ist. Udo Badelt

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