SONNTAGS um zehn : Gottes Doppelhaushälfte

Die Gemeinde Alt-Schöneberg hat eine Kirche zu viel.

von
Eine Gemeinde,
Eine Gemeinde,

Wo sich die sechsspurige Hauptstraße mit der sechsspurigen Dominicusstraße kreuzt, ist es laut und zugig. Doch nur ein paar Meter weiter wartet die Idylle. Von der Hauptstraße ein paar Stufen hoch, und man steht vor einer alten Dorfkirche. Sie fällt auf mit ihrem blassrosa Anstrich, und weil sie so von gestern ist. Als sie gebaut wurde, war sie umgeben von Wiesen und Feldern. Auf dem Kirchhof stehen die Mausoleen der „Millionenbauern“. Andere Menschen, die hier beerdigt sind, haben vielleicht als Kinder noch erlebt, wie die Kirche im Siebenjährigen Krieg abbrannte und 1764 neu errichtet wurde.

„Es ist oft schwer, die Sorgen zu vergessen, die das Herz schwer machen“, predigt die junge Pfarrerin Sonja Albrecht nebenan im Gottesdienst in der Paul-Gerhardt-Kirche. Als die Dorfkirche im 19. Jahrhundert zu klein wurde, baute man einfach ein zweites Haus daneben. „Wir müssen nicht immer alles selbst tragen“, sagt Sonja Albrecht. „Da ist einer, der hilft, der sorgt für uns.“ Wenn es gelinge, den Schalter im Kopf umzulegen und die Sorgen Gott anzuvertrauen, sei das ein Moment der Freiheit, versucht die Pfarrerin, den 120 Menschen in den Kirchenbänken Mut zu machen. „Auf einmal sehen wir, wo es blüht, wo der Segen aufblitzt.“ Sonja Albrecht verschweigt nicht, dass auch sie manchmal nicht weiterweiß. Zum Beispiel, wie es mit der Gemeinde weitergehen soll.

In den sechziger Jahren wurde aus der alten Paul-Gerhardt-Kirche ein modernes Gotteshaus mit viel Sichtbeton und einem Dach, das an ein Zelt erinnert. Damals hatte die Gemeinde Alt-Schöneberg 20 000 Mitglieder und stand in der Nähe des Schöneberger Rathauses und im Zentrum der Aufmerksamkeit. Heute ist die Gemeinde auf 3500 Mitglieder geschrumpft, die alte Dorfkirche reicht völlig aus. Doch was machen mit maroden Betongemäuern, die unter Denkmalschutz stehen? Ein Zentrum für alte und neue Musik könnte sich dort etablieren, die Akustik ist gut. Oder ein Zentrum mit besonderen Veranstaltungen für behinderte Menschen. Seit Jahren ringen Gemeinde und Kirchenkreis um eine Lösung. „Lieber Gott, hilf uns bei der richtigen Entscheidung“, bittet ein Gemeindemitglied. Nach dem Gottesdienst bringen Kinder Körbchen mit Lebensmitteln zum Altar. Die Gemeinde feiert Erntedankfest, und unter den Mitgliedern gibt es etliche Bedürftige, die sich über Obst, Gemüse oder Spaghetti freuen.

Pfarrer Mark Pockrandt wirbt für eine Spende in eigener Sache: Die schöne alte Dorfkirche muss saniert werden. Die Decke ist marode und braucht eine neue Heizung. 250 000 Euro sind nötig. Die Landeskirche gibt Geld, der Kirchenkreis, doch das reicht nicht. Ein paar Scheine liegen im Klingelbeutel, am Ausgang kann man für 3,50 Euro Baumwolltaschen mit dem Aufdruck „Alt-Schöneberg. Meine Dorfkirche, mein Kiez“ kaufen. Doch das Spendensammeln ist mühsam. Nächstes Jahr wird die Dorfkirche 250 Jahre alt. Sie ist das älteste Gebäude im Kiez. Darauf sollten die Schöneberger stolz sein – und auch ein bisschen dankbar für die Oase, die die Kirche und ihr lauschiger Kirchhof inmitten des brausenden Lärms bieten. Claudia Keller

Die Kirchengemeinde Alt-Schöneberg freut sich über Spenden: Evangelische Darlehnsgenossenschaft, Konto 117 83 06, BLZ 210 60 237, Stichwort „Dorfkirche 2013“.

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