• SONNTAGS um zehn: Hoffnung auf einen neuen Himmel Im Dom feierten Christen und Juden zum ersten Mal gemeinsam Gottesdienst

SONNTAGS um zehn : Hoffnung auf einen neuen Himmel Im Dom feierten Christen und Juden zum ersten Mal gemeinsam Gottesdienst

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Seltener Gast. Rabbiner Henry Brandt predigt auf der Kanzel im Dom. Foto: B. Kietzmann
Seltener Gast. Rabbiner Henry Brandt predigt auf der Kanzel im Dom. Foto: B. KietzmannFoto: Björn Kietzmann

Schon nach zehn Minuten standen vielen Besuchern in den Kirchenbänken Tränen in den Augen. Auf der Orgelempore sang die jüdische Kantorin Avitall Gerstetter „Yerushalayim shel zahav“ („Jerusalem aus Gold“), in dem sich Trauer über das zerstörte biblische Jerusalem mit so viel Hoffnung mischt auf ein neues himmlisches Jerusalem, in dem die „Kerker und Grenzen gesprengt“ sind. Avitall Gerstetter sang das Lied getragen, glasklar – und einfach wunderschön.

Zum ersten Mal feierten Christen und Juden im Dom gemeinsam Gottesdienst. Anlass war der „Israel-Sonntag“, an dem in der evangelischen Kirche traditionell der Zerstörung Jerusalems durch die Römer 70 n. Chr. gedacht wird. Vor dem Holocaust demonstrierten evangelische Pfarrer an dem Tag nicht selten Überheblichkeit und beriefen sich dabei auf Martin Luther, für den die Zerstörung Jerusalems eine gerechte Strafe Gottes für die Juden war. Nach dem Krieg entwickelte sich der Israel-Sonntag zu einem evangelischen Holocaust-Gedenktag. Vergangenes Jahr ging Dompredigerin Petra Zimmermann neue Wege und lud Rabbiner Walter Homolka zum Predigen ein, den Leiter des Potsdamer Abraham-Geiger-Kollegs. Diesmal predigte Rabbiner Henry Brandt, der Vorsitzende der Allgemeinen Rabbinerkonferenz, und auch die Liturgie wurde jüdisch-christlich verflochten.

„Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln“, las Dompredigerin Zimmermann den Anfang von Psalm 23, und die Kantorin sang ihn auf Hebräisch zu Ende. Später stieg der 85-jährige Rabbiner Henry Brandt auf die Kanzel. Er hatte sich den jüdischen Gebetsschal umgelegt und erinnerte daran, dass es jenseits der theologischen Fragen, was Juden und Christen verbinde und was nicht, große gesellschaftliche Herausforderungen gebe, die gemeinsam angegangen werden müssten. „Die Tendenz, alles Religiöse in die Privatsphäre zu verdrängen, und dass viele meinen, die höchste Instanz seien der menschliche Verstand und das menschliche Wollen, kann nicht unwidersprochen hingenommen werden.“ Wenn die Menschen sich selbst als absolut setzten, werde die Gier nach Reichtum, Macht und Status zum einzigen Lebenszweck. Es sei an den Christen und Juden, Demut und Bescheidenheit, Redlichkeit und Nächstenliebe vorzuleben. Nach der Predigt hob Avitall Gerstetter noch einmal zum „Yerushalayim shel zahav“ an. Die Gemeinde sang zunächst zögerlich, dann immer kräftiger mit. Den Segen sprachen Dompredigerin und Rabbiner am Ende gemeinsam – und umarmten sich danach lange. Claudia Keller

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