SONNTAGS um zehn : Israelsonntag in der Samariterkirche

In der Friedrichshainer Samariterkirche wurde am "Israelsonntag" mit einem Festgottesdienst an die enge Verbindung zwischen Juden und Christen erinnert.

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Die Orgel spielt lange, sehr lange sogar. Erst in letzter Minute öffnet sich die Tür der Samariterkirche auf dem Samariterplatz in Friedrichshain. Mit schnellen Schritten eilt der weißbärtige Pfarrer im schwarzen Talar durch den Mittelgang nach vorne zum Altar. Es ist Thomas Gandow, der Sektenbeauftragte der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Am Sonntag war er als Urlaubsvertreter in das im 19. Jahrhundert erbaute, ungewöhnlich dunkle Großstadtgotteshaus gekommen. Ein Stau am Sonntagmorgen hätte das beinahe verhindert – ob Gandow vor dem Altar wohl deswegen so intensiv um Vergebung betet?

Mit den Kirchgängern feiert der Pfarrer den „Israelsonntag“, der in der evangelischen Kirche grundsätzlich am elften Sonntag nach dem Pfingstfest begangen wird. Auch in Friedrichshain erinnerten sich die Christen gestern an die enge Verbindung zwischen Juden und Christen und hörten, wie Jesus im jüdischen Tempel über das ungläubige Jerusalem weint. „Wir erkennen darin unsere eigene Geschichte, unser eigenes Unheil“, predigt Gandow von der schlichten Holzkanzel neben dem Altar herab. „Wir haben erfahren, was geschieht, wenn Gotteshäuser zerstört werden und der Glaube an Gott lächerlich gemacht wird.“ Der Pfarrer erinnert an die Zerstörung der Synagogen am 9. November 1938 und die Sprengung der Versöhnungskirche im Friedrichshain durch das DDR-Regime, aber auch an die Atombombenabwürfe von Hiroshima und Nagasaki und den Bau der Berliner Mauer 1961.

Für Jerusalem aber wünschten sich die Christen Frieden. Denn der alte Bund zwischen Gott und den Juden sei nicht aufgehoben, sie seien nach wie vor sein auserwähltes Volk. Wenn Jesus über Jerusalem weine, gehe es nicht um Schadenfreude, sagt Gandow. „Juden und Christen leben im Glauben und im Versagen beide vom Erbarmen Gottes.“ Schließlich ruft der Theologe die Christen auf, nicht selbst ungläubig zu werden. „Wir dürfen unsere Kirchen nicht brachliegen lassen, zuschließen, verfallen, aufgeben“, sagte Gandow. Einst hätten „Eltern und Voreltern“ die Gotteshäuser erbaut, damit auch zukünftige Generationen lebendige Gemeinden erleben können. Das gelte auch heute noch. „Denn wir rechnen auf das Erbarmen Gottes, nicht nur in Jerusalem, sondern auch hier in Berlin.“
Die Gemeinde im Internet: www.samariterkirche-berlin.de

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