SONNTAGS um zehn : Jedes Leben eine Flamme

In der City-Station Wilmersdorf gedenkt die Stadtmission toter Obdachloser

G,a Bartels

Die Katholiken haben Allerseelen, die Evangelen den Ewigkeitssonntag, auch Totensonntag genannt. Vorm Beginn der Adventszeit soll dieser Tag zum rechten Umgang mit der begrenzten Lebenszeit ermutigen und dem stillen Gedenken an Verstorbene dienen.

Dass das beim alljährlichen Gedenkgottesdienst für verstorbene Obdachlose in der Stadtmissionsgemeinde Wilmersdorf nicht ganz so leise ausfällt, wird schon von Weitem klar. „Hier frühstücken doch nur Verbrecher“, krakeelt eine Alte in Fellmütze vor der City-Station in der Joachim-Friedrich-Straße herum. Und zwei Männer mit zerklüfteten Trinkergesichtern beschimpfen sich erst gegenseitig als Penner und versöhnen sich dann laut im Seufzer: „Gott sei Dank sind wir zwei Deutsche und keine Kanacken“.

Die City-Station ist Wohnungslosen-Restaurant, Sozialberatungstelle und Gemeindehaus in einem. Inmitten von bürgerlicher Wohllebe liegt sie nur ein paar Meter weg vom Ku’damm und scheint doch Welten davon entfernt. Drinnen riecht es nach Kaffee und Armut, Hände strecken sich einem zum Sonntagsgruß entgegen und im lichten Gottesdienstraum turnen Kinder, Ehrenamtliche und Obdachlose familiär durcheinander. „Jesus, Mohammed und Krishna sind ja alle Propheten desselben Gottes“, bramarbasiert ein junger Stammgast vor sich hin. „Immer dieselbe Platte, kann man auswendig mitsprechen“, tuscheln die anderen lächelnd. Und als die Klavierspielerin den Gottesdienst mit einer Bach-Melodie beginnen will, muss sie den laut „Song of Joy“ anstimmenden Typen erst mal zum Schweigen bringen.

Trotzdem gibt es im Gottesdienst mit der jungen Gemeindeältesten Constanze Behrens als Lektorin und Pastorin Claudia Filker als Gastpredigerin auch stille Stellen. Es ist würdevoll und wärmend, wie die Gottesdienstbesucher nacheinander beim Entzünden der Kerzen auf den zwei mit Efeu geschmückten Tischen die Namen von verstorbenen Obdachlosen, Betreuern, Müttern, Vätern oder Nachbarn nennen.

Mit jeder Flamme werden Ecki, Ulla, Schmitti oder Udo wieder lebendig. Und auch David, der nach einem Schlaganfall seine letzten Jahre als stummer Bettler verbrachte. Dass der Apostel Paulus auffordert, sein Leben nicht geistlos in Neid, Zorn und Unzufriedenheit zu vertun, wie es in der Predigt heißt, versteht sich angesichts von Elend und Endlichkeit da fast von selbst. Gunda Bartels

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