SONNTAGS um zehn : Jubiläum im „Kraftwerk Gottes“ Die evangelische Kirche

am Hohenzollernplatz wurde 75

Um 11.30 Uhr bat gestern die junge Pfarrerin Claudia Wüstenhagen, man möge doch bitte in den Kirchenbänken Platz nehmen. Konnten sich doch bis dahin die meisten Gottesdienstbesucher in der evangelischen Kirche am Hohenzollernplatz nicht von den Bildern der Jubiläumsausstellung „75 Jahre Kirche und Gemeindeleben“ trennen, die am Sonnabend in der Kirche eröffnet worden war. Das Gotteshaus gibt es seit 1933 in Wilmersdorf – das 75. Jubiläum wurde an diesem Wochenende ausgiebig mit einem „Kirchweihfest“ gefeiert.

Dazu gehörten am Sonntag neben einem Konzert um 17 Uhr unter dem Motto „Glanz der Renaissance“ und einem nachmittäglichen Empfang vor allem zwei Gottesdienste. Der Festgottesdienst mit Superintendent Martin-Michael Passauer begann erst um 14 Uhr. Dass aber schon zuvor um 11.30 Uhr so viele Gäste zum festlichen Kinder-, Jugend- und Familiengottesdienst kamen, damit hatte die Pfarrerin nicht gerechnet, als sie gestern die Gemeinde im „Dom zu Wilmersdorf“ begrüßte, wie der Bau von Fritz Höger schon mal genannt wird. An ein „Kraftwerk Gottes“ haben Spötter beim Anblick der Klinkerfassade ebenfalls schon gedacht, während Höger, dem Architekten auch des Hamburger Chile-Hauses und anderer bekannter Backsteinbauten, als Name für sein Lieblingsbauwerk „Dom des deutschen Frühlings“ vorgeschwebt haben soll – Anspielung auf Hitlers Machtergreifung. Denn wenngleich Högers expressionistische Bauten nicht gerade der Ästhetik der Nationalsozialisten entsprachen, stand er deren Ideen doch nahe.

Bevor sich nach dem Familiengottesdienst die Großen in der Kirche an den mit Blumen festlich geschmückten Stehtischen und die Kleinen an einer liebevoll eingedeckten Tafel das schmecken ließen, was in einem Nebenraum auf einem Brunchbüfett aufgebaut war, gab es für alle statt der Sonntagspredigt eine Aufgabe zu lösen: Was ist Kirche – darüber sprachen und malten die Kirchweihgäste. Kinder malten unter anderem Kirche als einen Leib mit vielen Gliedern, Erwachsene versuchten die diakonische Arbeit und die Ökumene als ihr Bild von Kirche auszudrücken. Und auch als Kirche der Armen – die waren gestern in der gutbürgerlichen Gemeinde am Hohenzollernplatz aber nicht zu erkennen. hema

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben