Berlin : Sonntags um zehn: Keine leichte Kost in der Kapelle der Versöhnung

Michael Braun

Ziehen Sie sich warm an, wenn Sie die Kapelle der Versöhnung an der Bernauer Straße besuchen. Denn erstens ist Berlins jüngste Kirche ungeheizt und zweitens bietet Pfarrer Manfred Fischer keine leichte Kost.

"Im Herbst beginnen wir zu frieren, die Blätter fallen, wir haben trübe Gedanken an Dunkelheit und Tod", sagt Fischer. "Das Leben hat Abgründe, schwindelnde Tiefen, und Lebensweisheit ist da oft keine Hilfe."

Ein ungemütliches Thema also. Das Buch Hiob. Aber Fischer macht das gut und gewinnt der Geschichte neue und spannende Seiten ab, der Geschichte vom reichen, guten und glücklichen Hiob, der nach und nach Haus, Familie und den gesamten Besitz verliert, den Krankheit und Trauer entstellen.

Auch in der Sprache ist Fischer ein echter Nachfolger Luthers, er predigt verständlich und bildhaft. Wenn er über Hiobs Krankheit spricht, beschreibt er die "bösartigen Geschwüre", und wenn er Hiob den Tag seiner Geburt verfluchen lässt, dann hört man gespannt zu.

Und Fischer hat etwas zu sagen. Hiobs Freunde hat er sich vorgenommen. Sie sind von weither gekommen, um dem Leidgeprüften beizustehen: "Eigentlich ist glücklich, wer solche Freunde hat." Hiob, der zuerst alles und dann seinen Glauben verloren hat, wird von den Freunden belehrt: "Jetzt gehst du aber zu weit! Gehe in dich und finde den Fehler in dir!" Das ist gut protestantisch gesprochen, sagt Fischer, aber hier geht es um Leid, nicht um theologische Weisheit: "Mit Hiob warnt die Bibel vor ihrem eigenen Missbrauch als Sprüchebuch, sie hält uns den Spiegel vor." Eine spannende Interpretation.

Vor drei Tagen war die Kapelle eingeweiht worden, sie steht auf dem Grundstück der alten Versöhnungskirche, die von der DDR 1985 gesprengt worden war. Der erste Sonntagsgottesdienst in der neuen Kapelle hat es also in sich. Am Ende geht Pfarrer Fischer noch auf den Text des Evangeliums ein, die Geschichte vom verlorenen Sohn. "Hier das harte Buch Hiob, dort das wunderbare Gleichnis vom barmherzigen Vater." Doch so richtig ist an dieser Stelle eine Verbindung nicht zu erkennen.

Vielleicht will Fischer uns Gottesdienstbesuchern nur etwas Tröstliches mit auf den sonnigen Heimweg geben, die trüben Gedanken verscheuchen. Nachdem der glückliche Vater den reumütigen verlorenen Sohn wieder in die Arme geschlossen hatte, feierten alle ein Fest. "Und sie fingen an, fröhlich zu sein."

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