SONNTAGS um zehn : Keiner weltlichen Macht unterworfen

Christsein in China: Ein Gottesdienst in der Charlottenburger Luisenkirche

G,a Bartels

Wie ein Held sieht Shunfu Chen nicht aus. Mit schüchternem Lächeln, rasiertem Asketenschädel und schmaler Intellektuellenbrille steht er auf der Kanzel der evangelischen Luisenkirche. Und doch hat der 35 Jahre alte Theologe als regimekritischer Christ in China sehr viel mehr Mut beweisen müssen, als es von den ihre Religion ungehindert ausübenden Kirchgängern am friedlichen Gierkeplatz in Charlottenburg üblicherweise erwartet wird.

„Christsein in China zwischen Aufbruch und Opposition“ heißt der so genannte Focus-Gottesdienst, zu dem Pfarrer Stephan Kunkel Shunfu Chen als Gastprediger eingeladen hat. Diese spannende Gottesdienstreihe mit Gästen aus Gesellschaft, Politik und Kultur hat seit mehr als 20 Jahren Tradition in der lichten Barockkirche: sogar Promis wie Ex-Minister Franz Müntefering oder Bundestagspräsident Norbert Lammert kommen hier predigen und stellen sich anschließend beim Kaffee den Fragen der Gottesdienstbesucher.

Und damit man außer der Predigt auch was über den Menschen erfährt, der sie hält, führt Pfarrer Kunkel nach Liedern, Psalm und Gebeten erstmal ein ganz weltliches Interview. Shunfu Chen ist Pfarrerssohn. Und in der Schule sei er als Christ „Gott sei Dank geduldet worden“. Ärger gab es erst später als er am theologischen Seminar in Nanking studierte. Warum? „Weil ich mit ein paar anderen Studenten offen die Meinung vertreten habe, dass sich die Kirche keiner weltlichen Macht unterwerfen soll“, sagt Chen schlicht. Da war Schluss mit dem Studium in Nanking, dass er jetzt in Deutschland, genauer gesagt in Tübingen abschließt.

15 Millionen evangelische Christen gibt es offiziell in China. Tatsächlich sind es mindestens 40 Millionen, meint Shunfu Chen. Denn außer der legalen, vor 60 Jahren unter Verfolgung und Zwang auf Staatslinie getrimmten „Patriotische Drei-Selbst-Bewegung“, wie die evangelische Kirche Chinas heißt, gibt es die illegalen Hauskirchengemeinden. Eine rasant wachsende Untergrundkirche, die vom Regime mal geduldet, mal mit Verhaftungen, Folter und Bußgeldern verfolgt wird.

Vielleicht sei Nächstenliebe der Weg aus der vom Staat verordneten Isolation für die evangelischen Christen in China, vermutet Shunfu Chen am Ende seiner doch eher theologischen als politischen Predigt. „Viele versuchen sehr aktiv, anderen Menschen zu helfen, obwohl die Kirche keine Sozialarbeiter einstellen darf.“

Auf die Frage, ob er selbst zurück nach China will, zögert Shunfu Chen keine Sekunde. „Ja!“, sagt er. „Nächstes Jahr, um in der Hauskirchenbewegung mitzuarbeiten.“ Zum Einwand, dass das doch gefährlich sei, zuckt er leise lächelnd die Schulter.Gunda Bartels

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