SONNTAGS um zehn : Kerzen für die Toten

Eine Predigt am Ewigkeitssonntag in Lichterfelde

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Langsam verlas Pfarrer Gottfried Brezger die Namen der Verstorbenen. „Ulrich Lübeck … Gertrud Roggenbach … Else Schulz … “. Die 90-jährige Witwe, der neunjährige Junge, ganz so, wie er und seine Kollegin Christiane Jenner die Menschen im Laufe des Jahres bestattet hatten. Und während Brezger am Lesepult an die Toten erinnerte, zündeten Christiane Jenner und eine Helferin kleine Kerzen an, und steckten sie ins Taufbecken. Für jeden Verstorbenen eine, bis sich die vielen kleinen Lichter am Ende zu einer großen, lodernden Stichflamme vereinigten.

Gestern war Ewigkeitssonntag, der letzte Sonntag des Kirchenjahres. Der Tag, an dem die Evangelische Kirche ihrer Verstorbenen noch einmal im Gottesdienst gedenkt. Auch in der Lichterfelder Johanneskirche geschah das gestern. Zahlreiche Angehörige waren in die 1914 erbaute Rundkirche am Johanneskirchplatz gekommen, die Stuhlreihen waren gut gefüllt. Und als Pfarrer Brezger am Ende der Kerzenzeremonie die Menschen aufforderte, doch auch „für die Menschen, deren Namen jetzt nicht genannt wurden, eine Kerze anzuzünden“, bildete sich eine lange Schlange vor dem Taufbecken. Mit Tränen in den Augen gingen die Trauernden zu ihren Plätzen zurück.

In der Predigt dagegen ging es vor allem um die Lebenden: „Wie soll es gelingen, das ganze Leben an Gottes Willen auszurichten?“, fragte Brezger. In den Gesprächen mit Trauernden spüre er immer wieder, wie Menschen ihre eigenen Lebensfragen am Leben der Verstorbenen widerspiegelten. „Was trägt mich? Was gibt meinem Leben Sinn?“ Immer wieder erlebe er Töchter und Söhne, die beklagten, dass ihre Eltern nicht die Chance hatten, ihr Lebensziel zu erreichen. „Sie haben es immer weiter aufgeschoben – und dann war es zu spät.“ Doch der Blick vom Ende des Lebens her helfe, die Mitte des Lebens in den Blick zu nehmen. Denn für jeden Menschen gebe es nach Gottes Willen einen eigenen Lebensweg. Und dann zitierte der Pfarrer den jüdischen Philosophen Martin Buber und dessen Geschichte von Rabbi Sussja: „Wenn es darauf ankommt, wird Gott mich nicht fragen, warum bist du nicht Abraham oder Mose gewesen, sondern er wird mich fragen: Warum bist du nicht Rabbi Sussja gewesen?“ Benjamin Lassiwe

Die Gemeinde im Netz: www.ev-johannes.de. Am kommenden Sonntag lädt die Gemeinde zu einem Gottesdienst mit Besuchern aus der Partnergemeinde in Ramallah, Palästina, ein; Beginn ist um 10 Uhr.

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