SONNTAGS um zehn : Kommt ein Zweifler zum Rabbi

Ein Predigtgottesdienst in der Auenkirche Wilmersdorf

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Was, schon wieder Weihnachten? Okay, der Junimorgen ist kühl und grau, herbstlich geradezu. Trotzdem gehört die Nummer drei auf der Liedertafel, Paul Gerhards Choral „Kommt und lasst uns Christum ehren“, im Gesangbuch zum Weihnachtsrepertoire und ist ein echter Überraschungscoup. Die Strophe mit dem „Kindlein im Stalle“ immerhin entfällt im Predigtgottesdienst der Auenkirche in Wilmersdorf.

Wie frisch poliert steht der mächtige Backsteinbau an der grünen Wilhelmsaue. Prächtig leuchtet das Christusmosaik über dem mit Lilienornamenten geschmückten Portal. Die Auengemeinde ist groß, sozial und künstlerisch engagiert – besonders in Sachen Musik. Der Bettler mit dem Hund, der vorm Portal sitzt, wird familiär begrüßt. Ausgebucht ist die Kirche heute nicht und die größte Strahlkraft des Gottesdienstes geht von den psychedelisch bunten Kirchenfenstern aus den Siebzigern aus. Gesang, Gebet, Orgel klingen gedämpft.

Die Predigt von Pfarrer Andreas Reichardt dreht sich um die vom Apostel Paulus im Brief an die Epheser erläuterte Einladung Gottes, vom Fremdling zum Hausgenossen in seinem Reich zu werden. Auch der Wochenspruch „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken“ passt dazu. Viele Menschen seien an dieser Einladung desinteressiert, andere ließen sich von Alltagsdingen abhalten. „Und wie hältst du es mit der Religion?“, fragt der Pfarrer in die Kirche. Jeder Gottesdienst sei der Versuch, die Seele anzurühren und Nähe zu Gott, zum Göttlichen herzustellen. Denn: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.“ Und dann erzählt er die Geschichte eines Zweiflers, der zum Rabbi kommt und dessen Fragen, ob er Gott liebe oder wenigstens Sehnsucht danach habe, nicht beantworten kann. Schließlich fragt der Rabbi: „Hast du denn Sehnsucht danach, Sehnsucht zu haben, Gott zu lieben?“ Das treffe es genau, strahlt der Mann. Und der Rabbi sagt: „Das genügt.“ Gunda Bartels

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