SONNTAGS um zehn : Lateinische Messe in St. Afra

In Wedding treffen sich katholische Traditionalisten

Claudia Keller

Ein gewöhnliches Wohnhaus aus rotem Backstein. Folgt man den gut 60 Menschen, die um halb elf durch die Eingangstür huschen, betritt man eine außergewöhnliche Welt: die Klosteranlage St. Afra. Aus der Kirche im Hinterhaus hört man lateinische Gesänge. Ausgerechnet hier, in der Graunstraße in Wedding, wo die Christen längst in der Minderheit sind, sammeln sich die Traditionalisten unter Berlins Katholiken. Hier wohnen vier Priester und ein Diakon der erzkonservativen Gemeinschaft Philipp Neri.

Seit drei Jahren feiern sie jeden Sonntag die tridentinische Messe, die der Papst jetzt wieder zugelassen hat. Sie unterscheidet sich von der üblichen Liturgie zum Beispiel dadurch, dass die Gemeinde von Probst Gerald Goesche vor allem den Rücken sieht. Nur für die Lesung und die kurze Predigt dreht er sich zur Gemeinde um. Auch wundert man sich über das viele Latein. Statt des deutschen Glaubensbekenntnisses wird das „Credo in unum Deum“ gebetet. Auch die Lieder stimmt Goesche in Latein an. Alle singen mit, viele lesen den Text von einem Faltblatt ab. Für die Übersetzung ins Deutsche brauche man nur in sein Messbuch zu schauen, sagt eine 24-jährige Studentin. Sie kommt seit zwei Jahren hierher, weil es der „würdevollste katholische Gottesdienst“ sei, den sie kenne. Beim Empfang der Kommunion knien alle vor Goesche und warten mit geöffnetem Mund. Der Geistliche legt die Hostie hinein. „Wenn die Hostie der lebendige Leib Christi ist, kann man sie doch nicht einfach in die Hand nehmen“, sagt eine 72-Jährige. Am Ende falle etwas herunter und man trete noch auf den heiligen Leib.

Das Schreiben Benedikts zur Wiederzulassung der alten Messe ist für Goesche so eine Art Wunder. Nach 40-jähriger Durststrecke sei klar geworden, welchen Schatz die Kirche habe. Jetzt werde der „falsche Triumphalismus aus den Kleidern der Kirche geschüttelt“. Die Gemeinde will dem Papst ein Dankschreiben schicken. Nach einer Stunde hat man sich so ans lateinische Gemurmel gewöhnt, dass einen das deutsche Schlusslied fast aufschrecken lässt. „Latein ist die Sprache der Katholiken“, sagt eine junge Frau beim Rausgehen, „wir sind die wahre globalisierte Kirche“. Claudia Keller

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