SONNTAGS um zehn : Lob der Vielfalt

Über das Staunen und die Zufriedenheit: Ein Gottesdienst in Schlachtensee.

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Da gibt es also heute noch ein Insekt auf dieser Welt, das hat sich die Luft zum Atmen schon mit Dinosauriern geteilt, zu Zeiten, als die Landmasse der Erde noch ein einziger Riesenkontinent war, und das ist 260 Millionen Jahre her. Diese vielen Jahre hat das Insekt nahezu unverändert überstanden. Es ist eine einzige Unglaublichkeit. Aber wer würde das würdigen, wenn er auf das Insekt, es handelt sich um die Kakerlake, träfe? Wer würde diesen kleinen platten Körper ansehen, der so viel erlebt und ausgehalten hat, und darüber staunen?

Kaum einer. Vielmehr ist es so wie Pfarrerin Kristina Westerhoff sagt: „Alle finden Kakerlaken widerlich.“ Sie hat das gerade erlebt, als sie mit ihrer Familie im Zoo war. Die Giraffenbabys wurden bestaunt, die langen Wimpern, das schöne Fell. Dagegen Insekten? Kakerlaken oder auch Ameisen, sagenhafte Kreaturen und fabelhafte Sozialsysteme. Der Mensch aber schaut nicht hin, macht sich nicht die rechte Mühe, das zu erkennen. Dabei könnte er so oft staunen über die Vielfalt, die ihn umgibt. „Gottes Welt, wohl bestellt.“ Es ist ein Liedtext unbekannter Herkunft, der den Kern des Erntedankfestes in der Johanneskirche in Schlachtensee ausmacht. Pfarrerin Westerhoff, seit 15 Jahren in der Gemeinde, hat einen Familiengottesdienst ausgerufen, und es sind viele Familien dem Glockengeläut aus dem hohen Kirchenturm gefolgt. Sie kamen in einen schlichten Kirchenbau, der warm und hell ist. An den Wänden hängen Passepartouts mit Fotos und Sprüchen vom afrikanischen Partner-Kindergarten, vom Konfirmandenunterricht, von der Blechbläsergruppe. So bunt es aussieht, so herzlich und unförmlich geht es zu. „Haben Sie schon eine geometrische Figur?“, wurde jeder Gottesdienstbesucher anfangs gefragt und wählte aus einem Korb zwischen Kreisen, Dreiecken, Quadraten und Tetraedern aus, die aus bunter Pappe ausgeschnitten waren. Daraus würde später etwas entstehen.

Aber erst mal geht es ums Staunen. Pfarrerin Westerhoff berichtet von ihrem Frühstückstisch, auf dem sich alles findet, was man nur mögen könnte. Aber neulich war das Nutella aus, und da sank Tochter Lisas Laune. Hätte die Mama sich nicht kümmern müssen, dass neues Nutella da ist? Nein. Weil in diesen Ausstattungsgewohnheiten schon eine Anmaßung liege. Die beobachtet die Pfarrerin allerdings auch an sich selbst. Etwa, wenn sie sich darüber ärgert, dass im Biomarkt ihr Lieblingskäse nicht vorrätig ist.

„Wir sollten uns mehr freuen an dem, was wir haben“, sagt sie, „statt zu beklagen, was gerade nicht da ist.“ Der Mensch sei nur ein Teil dieser Welt, manchmal wisse er sie auch gar nicht zu schätzen. Wie viele Getreidesorten erkenne man denn, wenn man an einem Sommerfeld vorbeifahre? Wie viele Bäume im Wald? Ja ja, da murmeln die Gemeindemitglieder und fühlen sich ertappt. Wie nehmen wir wahr, wie genau schauen wir hin? Kristina Westerhoff erzählt von einem Kind, das in der Bahn unverwandt den Mann auf der Bank gegenüber anstarrt. Weil es staunt. Später verbiete man sich diese Art Hinschauen. Gottes Welt, wohl bestellt. Im Refrain soll für die gebotene Vielfalt „Gott gelobet sein“. Das gefalle ihr, sagt die Pfarrerin. Dass aus dem Staunen das Bedürfnis zum Lob erwachse.

Dann kommt sie runter von der Kanzel, und nun sind die Gottesdienstbesucher dran. Zwei stoffbezogene Stellwände werden zurechtgerückt, eine hell, eine dunkel. Auf die sollen nun die geometrischen Formen gepinnt werden. Und so entstehen auf dem dunklen Tuch aus gelben Dreiecken und den Tetraedern ein Nachthimmel und ein dunkler Wald, und auf dem hellen Tuch aus Kreisen und Streifen ein Apfelbaum, Blumen und eine Sonne. Gottes wohlbestellte Welt.

Nach Ende des Gottesdienstes steht Kristina Westerhoff vor der Tür ihrer Kirche. Kollekte und Gespräche werden umrahmt von den vielleicht letzten wärmenden Sonnenstrahlen dieses Jahres. Darüber rascheln in den hohen Baumkronen rote, gelbe, grüne Blätter im klaren Licht. Ein Herbstbild, das zum Staunen schön ist, ganz so, als wolle Gott dem eben Gehörten sogleich seinen Segen geben. Ariane Bemmer

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