Sonntags um zehn : "Noon Song" in der Kirche am Hohenzollernplatz

Noon Song, Mittagslied. So heißt immer sonnabends um zwölf Uhr das außergewöhnliche Angebot der Kirche am Hohenzollernplatz. Ein kurzer Gottesdienst ohne Predigt, in dem fast ausschließlich gesungen wird.

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Zum Lobe des Herren. Eine Predigt gibt es beim „Noon Song“ nicht, nur Lieder von professionellen Sängern.
Zum Lobe des Herren. Eine Predigt gibt es beim „Noon Song“ nicht, nur Lieder von professionellen Sängern.Foto: Ariane Bemmer

Dass hier wöchentlich Musik auf einem derartigen Niveau geboten werde und niemand wisse davon, „das ist doch typisch Berlin“. Behauptet Christine Isbrecht, die fast von Beginn an zuhörte – was immerhin sechs Jahre sind – und inzwischen Schatzmeisterin im Förderverein für den „Noon Song“ ist.

Noon Song, Mittagslied. So heißt immer sonnabends um zwölf Uhr das außergewöhnliche Angebot der großen, dunklen Kirche am Hohenzollernplatz: ein kurzer Gottesdienst ohne Predigt, in dem fast ausschließlich gesungen wird – und zwar von Berufschorsängern, was eine Seltenheit ist. Für gewöhnlich singen Laienchöre, wenn überhaupt, oft genug braust die Orgel allein vor sich hin, und die wenigen Gottesdienstbesucher begnügen sich mit verhaltenem Mitgebrumm und -gesumm. Weshalb Kirchenlieder nur selten wirklich großartig klingen.

Ganz anders beim Noon Song, den sich – natürlich! – ein begeisterter Kirchenmusiker ausgedacht hat. Stefan Schuck, studierter Chorleiter und von Hause aus Katholik, erfand die Reihe und sah in dem hohen Wilmersdorfer Kirchengemäuer aus den 1930er Jahren einen idealen Ort. Wegen der baulichen Epochenoffenheit und weil sie „nicht so stark frequentiert“ gewesen sei, wie er sagt. Und siehe: Die Kirchenmusik erwies sich als Magnet.

Noten kommen eine Woche vor dem Auftritt per Post

Im Schnitt gut 200 Menschen sitzen auf den mit Kissen belegten Sitzbänken und hören zu, aufmerksam oder verzückt. Ganz so viele sind es am ersten Juni-Sonnabend nicht, was Christine Isbrecht sich mit dem schwülen Wetter erklärt. Bei denen, die da sind, stehen zu ihren Füßen Einkaufstüten. Was typisch ist, denn auf dem Platz vor dem Kirchenportal ist sonnabends Markt. Die Kirchenbesucher haben Tüten mit Erdbeeren dabei, mit Käse oder Spargel.

Die Auswahl der Kompositionen für die Psalme, die vorgegeben sind, trifft Schuck selbst. Er durchsuche dafür Archive und Datenbanken, die tatsächlich mit den teilweise jahrhundertealten Liedern reich bestückt seien, sagt er. Geordnet wird der Gesang vor der Liturgie, durch die wechselnde Pfarrer hindurchführen.

Diesmal ist das Alexander Storck aus Königs Wusterhausen. Storck sagt, er genieße die Noon-Song-Einsätze sehr. Im Studium werde Gesang völlig ignoriert, da empfinde er die Zusammenarbeit mit den acht Profisängern als inspirierend und lehrreich.

Die Sänger erhalten ihre Noten eine Woche vor dem Auftritt per Post, am Freitag ist eine lange Probe, samstagvormittags noch mal eine kurze, dann ist auch der Pfarrer dabei. Es ist insgesamt eine Mühe, die sich lohnt. Was die ausgebildeten Stimmen aus den Kirchenliedern herausholen, ist berührend und wunderbar. „Himmlische Klänge“ findet sich als Formulierung in der Leseordnung für die Besucher, was zunächst übertrieben kitschig klingt – am Ende der Dreiviertelstunde jedoch ganz vernünftig.

Noon Songs im Monat Juni rein privat von Werner Gegenbauer gefördert

Die Leseordnung ist der detaillierte Ablaufplan für den Gottesdienst mit Liedtexten, Erläuterungen und Randspalten, die der Gemeinde soufflieren, wann sie sitzen bleiben kann und wann sie aufstehen möge. Etwa beim gemeinsam halb gesungen, halb gesprochenen Vaterunser. Auf dass sich niemand unsicher fühle, wie Schuck sagt, der als Katholik in protestantischen Gottesdiensten genau solche Erfahrungen machte.

Außerdem informiert das vierseitige Blättchen darüber, dass jeder Noon Song rund 1000 Euro koste, weil die Sänger eine Aufwandsentschädigung erhielten und außerdem Noten kopiert und verschickt werden müssten. Anfangs, sagt Schuck, hätten sie sich von Auftritt zu Auftritt gehangelt, aber jetzt hätten sie den Förderverein mit 64 Mitgliedern, da sei auch mal ein monatliches Planen möglich. Und so findet sich – für einen Gottesdienst auch eher ungewöhnlich – am Fuß der Leseordnung der Hinweis, dass die Noon Songs im Monat Juni rein privat von Hertha-BSC-Präsident Werner Gegenbauer gefördert würden.

Dann eilt Schuck davon, ein Kinderchor, den er unterrichtet, tritt auf, und abends will er noch in die Philharmonie, da tritt der Rias-Kammerchor auf – und er kann ein Solo des Tenors Volker Nietzke hören, der mittags schon bei ihm im Chor mitsang. A

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