SONNTAGS um zehn : Nützlichkeit ist nicht alles

Bernhard Schlink predigte in St. Thomas

Claudia Keller
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Foto: Kai-Uwe Heinrich

„Was ihr getan habt einem meiner geringsten Brüder, das habt ihr mir getan.“ So steht es in der Bibel. Und auch: „Was ihr nicht getan habt einem meiner geringsten Brüder, das habt ihr mir nicht getan.“ Die beiden Sätze Jesu weisen auf das Jüngste Gericht hin, wenn entschieden wird, wer auf die Seite der Guten kommt und wer in die Hölle.

Bestseller-Autor Bernhard Schlink („Der Vorleser“) legte diese Bibelstelle am Sonntag in der evangelischen Kirche St. Thomas am Mariannenplatz aus. Der ideale Mann, könnte man denken, schließlich ist Schlink Jurist und kennt sich aus mit Gerichten.

„Ich tue mich schwer mit dieser Gerichtsszene“, bekannte Schlink. Sie lasse so viel im Vagen. Klar sei nur, dass in die Hölle komme, wer gar nichts tut. Aber was ist mit den anderen? Reicht es, wenn man nur einem hilft, oder müssen es hundert sein, um in den Himmel zu kommen? Denn wenn auch nur einer der Geringsten übrig bleibe, dem ich nicht geholfen habe, lande ich auf der falschen Seite. Das sei wohl die typisch protestantische Pflichtethik, wonach man nie genug Gutes tun könne und dennoch nie wisse, ob es reiche, interpretierte Schlink.

Über 300 Menschen hörten ihm zu. Die Gesangbücher reichten nicht aus, als Studenten, ehrwürdig ergraute und zauselig gebliebene 68er, Familien mit Kindern und Senioren in die gewaltige Backsteinkirche drängten. Ende des 19. Jahrhunderts wurde sie erbaut, damals zählte die Gemeinde 150 000 „Seelen“, es war die größte in Europa. Heute sind es 1500.

Schlink, asketisch, groß und braun gebrannt, trat im grauen Anzug, mit blauem Hemd und Krawatte aufs Predigerpodest. Er ist Sohn eines evangelischen Theologen und mit der Bibel von Kind auf vertraut. Er liebe den Satz sehr, wonach jemand Jesus etwas tue, wer einem der geringsten Brüder etwas tue – unabhängig von der Gerichtsszene, in die der Satz eingebettet ist. Er lese aus diesem Satz, „dass alles Gute, das wir tun, nicht verloren geht“. Dass unser Verrechnen von Leistungen nicht alles ist. Hinter der Frage, ob nützlich, vernünftig ist, was wir tun, ob es sich lohnt, stehe eine andere, viel wichtigere Frage: Gehen wir gut miteinander um? Sind wir freundlich zueinander? Freuen wir uns mit- und aneinander? Bernhard Schlink erinnerte an den Mauerfall, bei dem „wie bei einer jungen Liebe“ eine unglaubliche Freude und Neugier sogar unter den sonst nicht allzu freundlichen Berlinern ausgebrochen sei. Weil auf einmal aufgeblitzt sei, dass Menschen die Welt tatsächlich besser machen können. „Keine Freude, die wir teilen, geht verloren.“ Mit dieser Botschaft wünschte der berühmte Professor und Romanautor, der Nachbar Bernhard Schlink allen einen schönen Sonntag und eine „Ost und West übergreifende Freude aneinander“. Claudia Keller

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