SONNTAGS um zehn : Ready for God

In der Kirche am Südstern wurden lauter kleine Gesandte gefeiert.

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Am Ende ist es so, dass ein älterer Herr auf dem Rücken im Gang liegt und lacht, in den Stuhlreihen Leiber zucken, Hände ausgestreckt sind, Menschen sich umarmen und Tränen fließen. Dann donnert die Orgel los, und der freikirchliche Gottesdienst des „Christlichen Zentrums Berlin“ in der Kirche am Südstern ist vorbei. Die 150 Besucher bekommen noch ein Halleluja mit auf den Weg und den Hinweis, dass es diesen Gottesdienst auch auf CD gebe. Denn sie hatten einen Gast: Pastor John Arnott aus Toronto, Kanada.

Arnott ist ein bulliger Mann mit Mikrofon, er spricht Englisch, alles wird übersetzt. Er will eine Botschaft rüberbringen: Das Fleisch ist nichts, der Geist ist alles. Arnott tigert hin und her, gestikuliert wie ein Entertainer. Der natürliche Mensch, zitiert er aus 1. Korinther 2, Vers 14, empfange Gottes Geist nicht, er verstehe ihn nicht, halte ihn für töricht. „Aber“, ruft Arnott den Besuchern zu, „Gott ist viel smarter als du, deshalb kann er Dinge tun, die du nicht verstehst.“ Er fragt: „Are you okay with that?“ Yes, yes, die Gemeinde hält das aus. Er selbst, sagt Arnott, habe lange damit gehadert, habe verstehen wollen, und irgendwann habe Gott ihm gesagt: Hey, John, du verstehst nicht mal die Frauen, warum meinst du, du könntest mich verstehen? Da lacht die Gemeinde und applaudiert. Arnott spricht davon, dass vermeintliche Gewissheiten den Blick auf das Wahre verstellen. Der Prophet gelte nirgends so wenig wie im eigenen Land. Auch Jesus sei in Nazareth als Prophet gescheitert. „Ist das nicht Josefs Sohn?“, hätten die Leute gefragt, der Zimmermannszögling? Und jetzt macht er hier auf gottgesandt? Jesus habe sich geändert, das hätten sie nicht erkannt.

Aber es gebe noch eine weitere Person, in der auch die hier Anwesenden die Salbung nicht erkennen würden: sie selbst. „It’s you!“ Jeder hier, der sich Christ nenne, sei ein kleiner Gesandter des Herrn. Das wurde dann gleich eingeübt. Alle aufstehen! Und gemeinsam lesen: „Der Geist des Herrn ist bei mir, ... er hat mich gesandt zu verkündigen das Evangelium der Armen ...“ Und gleich noch mal, mit mehr Betonung, und dann wird gesegnet, von Arnott und seiner Frau Carol und von den Gemeindeleuten, und dann fallen die Ersten eben um. Der Herr ist auf mich gekommen. Für manchen ist das etwas viel. Ariane Bemmer

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