SONNTAGS um zehn : Rock me, Jesus!

Gott und die E-Gitarre: Jubiläum in der Luisenkirche.

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Kirchenrocker. Die Band Intercity war schon vor 30 Jahren dabei. Foto: Georg Moritz
Kirchenrocker. Die Band Intercity war schon vor 30 Jahren dabei. Foto: Georg MoritzFoto: Georg Moritz

„Sonntagsglocken läuten, und er zieht was Gutes an, nur schnell, sonst kommt er noch zu spät...“ Die Kirchenglocken der Luisenkirche auf dem Charlottenburger Gierkeplatz sind an diesem Sonntag im Gotteshaus kaum hörbar, Schlagzeug und E-Gitarre übertönen sie. Intercity heißt die Band, die ihre Instrumente neben dem Altar aufgebaut hat. Denn im Gotteshaus findet eine Rockmesse statt, wie an jedem ersten Sonntag im Monat seit 1983, als der mittlerweile verstorbene Motorradpastor Bernd-Jürgen Hamann die unkonventionellen Gottesdienste ins Leben rief: Schlagzeug und Keyboard in der Kirche – damals war das revolutionär. Vor allem junge Leute, denen die traditionellen Gottesdienste zu langweilig waren, wollte die Kirche so erreichen.

Gestern saß ein älter gewordenes Publikum in den Bankreihen. Als Pfarrer Peter Paul Wentz fragt, wer denn schon vor 30 Jahren mit dabei war, meldete sich eine ganze Reihe Menschen. „Es war ein Experiment, das zu einem wichtigen Baustein unserer Gemeinde geworden ist“, sagt Wentz. Die grauen Haare hat der Geistliche zu einem Pferdeschwanz gebunden, über dem schwarzen Talar trägt er einen grünen Schal. Mit dem Mikrophon steht er im Mittelgang der Kirche, betet, predigt, singt und tanzt. „Er horcht auf, denn etwas heut’ ist anders als bisher: Einer sagt, dass Gott uns nicht nur sonntags will“, singen die Bandmitglieder von Intercity. „Er zeigt uns in Jesus seine Liebe und will mehr als nur ein Statist zu sein im Sonntagsspiel.“

Schon vor 30 Jahren begleitete die christliche Band die erste Rockmesse. Mittlerweile wechseln sich Gospelchöre und Skabands in den Messen ab, Jazz und Klezmer erklingen. Und wenn die Gemeinde mit dem Singen dran ist, werden auf der Videoleinwand Texte eingeblendet, die heute längst kirchliches Allgemeingut sind: „Lobe den Herrn, meine Seele, und seinen heiligen Namen“ etwa oder „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes“ vom hannoverschen Liedermacher und Kirchentagsmusiker Fritz Baltruweit. Die Rockmesse ist älter geworden, die Kirchenmusik moderner. Was vor 30 Jahren revolutionär war, ist heute Mainstream.

Doch in seiner Festpredigt zum Jubiläum betont Wentz, wie die Rockmessen vielen Menschen eine neue Heimat in der Kirche geboten haben. „Sie geben Menschen ein Zuhause, die meinen, dass alles, was nicht nur 30, sondern sogar 500 Jahre alt ist, mal einen Hauch frischen Wind gebrauchen kann“, sagt Wentz. Menschen mit Ecken und Kanten, die wüssten, dass sie nicht perfekt sind. „Die bestenfalls lächeln über die Macken und Fehler der anderen.“ Denn auch Fehler, sagt Wentz zum Jubiläum, könnten eine Gnade Gottes sein: Sie könnten anderen einen Weg zeigen, die vor einem ähnlichen Problem stehen.Benjamin Lassiwe

Die Gemeinde im Web findet man unter www.luisenkirche.de.

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