SONNTAGS um zehn : "Schuppen von den Augen": Erkenntnis im Unigottesdienst

Pünktlich zum Semesterbeginn starten auch die Unigottesdienst in der Sophienkirche wieder. Evangelische Theologieprofessoren gehen im Sommersemester Redewendungen auf den Grund - und finden diesen in der Bibel.

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In der Sophienkirche in Berlin-Mitte, hier ein Archivbild vom September 2014, finden dieses Semester sonntags um 12 Uhr die Unigottesdienste statt. Foto: Lukas Schulze/dpa
In der Sophienkirche in Berlin-Mitte, hier ein Archivbild vom September 2014, finden dieses Semester sonntags um 12 Uhr die...Foto: Lukas Schulze/dpa

Die Erleuchtung war so hell, dass der römische Soldat Saulus drei Tage lang geblendet war. Dann fiel es ihm „wie Schuppen von den Augen“, dass dieser Jesus und seine Anhänger, die er so erbittert bekämpft hatte, seine Freunde sind. Er konnte wieder sehen, ließ sich taufen und wurde zum Apostel Paulus.

Viele Redewendungen stammen aus der Bibel. Dass etwas ist „wie Sand am Meer“ zum Beispiel, oder dass zwei „ein Herz und eine Seele“ sind. Evangelische Theologieprofessoren der Humboldt-Universität gehen diesen Wendungen im Sommersemester in den Universitätsgottesdiensten nach. Den Anfang machte Wilhelm Gräb mit den Schuppen, die Saulus von den Augen fielen.

Erleuchtung im Kleinen und zündende Ideen

„Wenn ein Mensch seiner tief empfundenen Bestimmung folgt, finden wir das faszinierend und beängstigend zugleich“, sagte Gräb. Woher nimmt so einer die Gewissheit? Woher wusste Saulus, dass er mit den Christen auf dem richtigen Weg ist? Woher nahm einer wie Georg Elser seine Gewissheit, dass es richtig ist, ein Attentat auf Hitler zu verüben?

Elser handelte als Einzelperson. Keine Organisation, keine Kirche, kein Freundeskreis hatten ihn überredet. Elser habe etwas gesehen, was alle hätten sehen können: dass die Nazis ungeheuerliche Verbrechen verübten und planten. Doch die meisten sahen und sahen doch nichts. Elser sei die Erkenntnis vielleicht auch „wie Schuppen von den Augen gefallen“, sagte Gräb.

Die Teilnehmer des ersten Unigottestdienstes dieses Semesters. Foto: Tsp
Die Teilnehmer des ersten Unigottestdienstes dieses Semesters.Foto: Tsp

Es gibt solche Erleuchtungen auch im Kleinen. Wenn man mit der Semesterarbeit nicht weiterkommt, wenn man sich in einem Streit verrannt hat und nicht weiß, wie man wieder herauskommt. Gräb wäre nicht Theologe, würde er nicht vermuten, dass Gott seine Finger im Spiel hat, wenn plötzlich der zündende Gedanke da ist und die Gewissheit, wie es weitergehen soll.

Neuer Termin: Sophienkirche, sonntags, 12 Uhr

Zwei Dutzend Studenten sind um 12 Uhr in die Sophienkirche in Mitte gekommen. Doch wo sind die anderen? Sonst kommen oft viermal so viele. Alle noch im Bett oder auf Ausflügen? Vielleicht liegt es am neuen Standort und der neuen Uhrzeit. Bisher fanden die Unigottesdienste sonntags um 18 Uhr in der Marienkirche am Alexanderplatz statt. „Um 18 Uhr gibt es viele Konkurrenzveranstaltungen“, sagt Gräb. Der Wechsel auf 12 Uhr ist ein Versuch, noch mehr Studenten und auch ältere Semester in die Gottesdienste zu locken – wenn es sich denn herumgesprochen hat.

Nach dem Gottesdienst gibt es ein Glas Sekt, um auf den Umzug und den Semesterstart anzustoßen. Die Studenten finden, Gräb habe seine Sache gut gemacht. Kommenden Sonntag wird Professor Notger Slenczka herausfinden, warum jemandem in der Bibel „die Haare zu Berge stehen“.

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