SONNTAGS um zehn : Sehen und erkennen

Zum Tag der Sehbehinderten ein Gottesdienst in der Gedächtniskirche

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Auf dem Liederheft war eine Kirche verschwommen abgebildet. Alle Texte darin waren in Großdruck. Und zahlreiche Menschen mit dunklen Brillen und gelben Armbinden besuchten am Sonntag den Gottesdienst in der Gedächtniskirche. Denn im Zentrum des Gottesdienstes stand der vom Blinden- und Sehbehindertenverband ausgerufene „Sehbehindertensonntag“. Im bläulich erleuchteten Kirchenraum berichteten Betroffene aus ihrem Alltag. „Als der Bus kam, musste ich den Fahrer fragen, welche Linie das ist“, sagte Manuela Myszka. „,Können Sie nicht lesen?’ lautete seine Antwort.“ Und Barbara Kraus, die ihren Text auf einem Blatt mit Blindeschrift ertastete, erinnerte sich an einen freundlichen Mann, der zu Beginn eines Gottesdienstes ihren Mantel an die Garderobe hing. Als der Gottesdienst vorbei war, fand sie den Mann jedoch nicht wieder. Und die Menschen in der Gedächtniskirche beteten dafür, dass Sehende und Blinde einander besser wahrnehmen.

Und nachdem angehende Kirchenmusiker von der Universität der Künste mit geradezu geisterhaften Klapper- und Zischlauten das Psalmgebet gestaltet hatten, erinnerte der Pfarrer der Marienkirche, Johannes Krug, der als Gastprediger gekommen war, an den zurückgetretenen Bundespräsidenten. Viele hätten auf ihn geblickt, im Volk sei er beliebt gewesen. „Aber nur wenige haben gesehen, dass er einsam, ohnmächtig und etwas verbittert war“, sagte Krug. Auch in der Bibel sei es gerade ein Blinder, der Bettler Bartimäus, gewesen, der Jesus als einer der ersten als den Messias erkannt habe. Seine Geschichte sei die Geschichte eines Mannes, der den Mut hatte, sich nicht an die Wand drängen zu lassen. „Es ist an der Zeit, Menschen mit einer Sehbehinderung nicht auf ihre Sehbehinderung zu reduzieren“, sagte der Pfarrer. „Es ist an der Zeit, dass wir entdecken, wo sie ihre Stärken haben.“ Das fanden auch viele Besucher, die später das Gespräch mit den Mitwirkenden suchten. Benjamin Lassiwe

Die Gemeinde im Internet:

www.gedaechtniskirche-berlin.de

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