SONNTAGS um zehn : Sie nennen ihn Vater

Gottesdienst für Gefängnispfarrer Rainer Dabrowski

Bei Rainer Dabrowskis Arbeit geht es oft um alltägliche Sorgen, um schlechtes Essen, um Streit mit der Freundin. Dahinter gibt es aber noch einen anderen Horizont, der mit altertümlichen Begriffen wie Schuld und Sühne, Vergebung und Freiheit umschrieben wird. Dabrowski, 53 Jahre alt, ist seit 16 Jahren Pfarrer in der Justizvollzugsanstalt Tegel. Seit Juli ist er außerdem Chef der evangelischen Gefängnispfarrer in Berlin und Brandenburg. Gestern wurde er mit einem Gottesdienst in der Gefängniskirche in Tegel in sein neues Amt eingeführt.

Vielleicht 200 Menschen füllten die abgestuften Kirchenbänke. Justizsenatorin Gisela von der Aue saß in der ersten Reihe. Mitarbeiter der Berliner Gefängnisse waren gekommen, Pfarrer, Ex-Justizsenator Wolfgang Wieland von den Grünen. Neben ihnen saßen Häftlinge: Männer mit meist kurz geschorenen Haaren, T-Shirts mit „Hooligan“-Aufdruck, Jogginghosen. Unter ihnen Junge und Alte, solche, die die Kirchenlieder mitsangen, und solche, die den Liedtext nicht lesen können, weil ihr Deutsch dafür nicht reicht. Häftlinge spielten Orgel und E-Gitarre und sangen „Von guten Mächten treu und still umgeben“.

Manchmal tuschelten die Männer mit den kurz geschorenen Haaren. Aber als Pröpstin Friederike von Kirchbach Dabrowski die Hand zum Segen auflegte, wurde es still. Das alte Ritual berührte auch die, die sich sonst immer als unangreifbar und stark geben. Still wurde es auch, als Dabrowski sprach. Davon, dass Jesus Gefangenen nicht einfach die Freiheit versprach wie den Hungrigen das Brot. „Das wäre nur eine äußere Freiheit“, sagte Dabrowski. Jesus gehe es um die innere Freiheit. „Und glaubt bloß nicht, dass die da draußen alle frei sind“, rief er den Häftlingen zu und zeigte ein Foto von der Erstürmung des Mediamarktes im Einkaufszentrum Alexa. Es sei genauso verwerflich, einem das Handy zu stehlen, wie Handys für fünf Euro zu verhökern, wenn man an die denke, die die Geräte in der Dritten Welt zusammenschrauben. „Auf der anderen Seite bleibt immer einer, der betrogen wird.“

Dabrowski scheut sich nicht, Häftlingen, Gefängnisleitern, Politikern und Journalisten zu sagen, was er denkt. „Wer immer das Untypische zum Typischen erhebt, braucht sich nicht zu wundern, wenn die Gesellschaft wegschaut“, haute er Journalisten um die Ohren. Bei aller Kritik nimmt er sein Gegenüber aber immer ernst. Deshalb hören die Häftlinge ihm auch dann zu, wenn er mit ihnen ins Gericht geht. Und sie kommen zu ihm, wenn sie weinen wollen. Türken und Araber nennen ihn „Vater“. clk

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