SONNTAGS um zehn : Sommeridyll mit Spreeblick

Jeden ersten Sonntag im Monat ist Gottesdienst in der Stralauer Dorfkirche

Das ist mal ein schönes, sonntägliches Bild: Oben stehen drei ernste Schnitzaltarfiguren, die heilige Maria, Barbara und Ursula, Patina von mehr als 500 Jahren im Gesicht, und darunter hocken drei vergnügte, höchstens fünfjährige Mädchen, die nach der Taufe am Altar sitzen bleiben möchten, weil es dort „so gemütlich“ ist. Die Taufgesellschaft sei aus Lichtenberg angereist, sagt Pfarrer Christoph Schuppan. Warum, ist angesichts des Sommeridylls in und um die Stralauer Dorfkirche nicht schwer zu erraten.

Jeden ersten Sonntag im Monat ist in der mittelalterlichen Dorfkirche auf der zu Friedrichshain gehörenden Halbinsel evangelischer Gottesdienst, nur ein paar Schritte von der glitzernden Spree entfernt, in einem überraschend lichten, spätgotischen Bau, der Unwetter, Kriege und Stralauer Umbrüche vom Fischerdorf zum Industriegebiet und jetzigen Neubauquartier nur knapp überlebt hat.

Ein guter Ort, um den Bogen vom Apostel Paulus zu den heiß diskutierten, jüngsten kirchlichen Reformschriften „Kirche der Freiheit“ und „Salz der Erde“ zu schlagen, wie es Pfarrer Christoph Schuppan in seiner Predigt macht. Paulus schrieb an die Korinther, dass sich ein Christenmensch nichts vergäbe, wenn er jedem ein Ansprechpartner sei: „Den Juden ein Jude, den Griechen ein Grieche, den Starken ein Starker und den Schwachen ein Schwacher“. Diese liebevolle Zugewandtheit legten Kritiker fälschlich als Anpassungswut einer Kirche aus, die drohe „in der Gesellschaft zu versinken“, meint Schuppan. Und dann erzählt er, dass er sich als in der DDR aufgewachsener Christ zwar auch an Begriffe wie „Taufquote“ gewöhnen müsse, die es laut Kirchenpapier zu erhöhen gälte, aber angesichts der lebensbejahenden Kraft des Glaubens störten sie nicht. Draußen vor der Kirche, wo der schöne Friedhof direkt an die Spree reicht, schallt vom Biergarten Zenner Musike rüber. Da lassen sich die Taufleute nicht lang bitten und ziehen mit Kids, Klapptischen und Körben zum Picknick in den Uferpark. gba

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