SONNTAGS um zehn : Sprechprobe vor dem Amen

Rundfunkgottesdienst in der Christophoruskirche in Friedrichshagen.

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Dass lange oder kurze Leitungen den Weg zum Wort des Herrn beeinflussen, wird nie deutlicher als bei Rundfunkgottesdiensten. Meterweise Strom- und Mikrofonkabel werden dazu verlegt, damit Orgel, Chor, Predigt und Gebet gleichermaßen gut gehört und gesendet werden können.

In der Friedrichshagener Christophoruskirche war das gestern der Fall, was früh aufstehen bedeutete: Schon um sieben Uhr rollen die Übertragungswagen des RBB vor der hohen Backsteinkirche in die Parkposition, dann werden die Leitungen gelegt. Pfarrer Alexander Höner liefert Sprechproben, „liebe Gemeinde“, wiederholt er ins Mikro, und die 13-jährige Juanita kichert, denn die Kirche ist da noch ganz leer. Dann ist Juanita selbst dran. Das Mädchen liest als Lektorin aus dem Alten Testament vor. Ganz gekonnt mit eigener Betonung, als interpretiere sie die Texte. Juanita habe sofort festgestanden, als die Anfrage des Senders gekommen sei, sagt Pfarrer Höner.

Er und sein Team müssen sich dann nach dem Zehn-Uhr-Geläut vor vollen Bänken an ein minutiöses Sendeskript halten, 21 quer bedruckte Seiten, damit pünktlich um elf Uhr Schluss ist. Die Predigt kommt trotz des Korsetts entspannt daher. Es geht um Johannes, der einen strengen Brief an sieben Gemeinden schreibt, der wie von Jesus diktiert wirke. In dem teile er mit, dass er mit ihnen nicht zufrieden sei, sie sollten erwachen und Buße tun. So einen Brief wolle wohl niemand in der Adventszeit erhalten, sagt Höner und überlegt, was er darauf antworten könnte. Er schreibt im Geiste einen Brief zurück. „Du hast recht: Wir sind nicht vollkommen“, steht da, und: „Wir predigen deine Radikalität und lieben gleichzeitig unsere behütete Bürgerlichkeit.“ Trotzdem bitte er ihn: „Streich’ uns nicht aus dem Buch des Lebens.“ Denn sie bemühten sich doch, die Welt ein bisschen besser zu machen.

Höners Konfirmanden hatten im Rundfunkgottesdienst auch schnell die Chance erkannt, die Welt ein bisschen besser zu machen – für sich selbst: Ob es wohl für die Unterschrift zum Anwesenheitsnachweis ausreiche, wenn sie ihrem Pfarrer im Radio zuhörten? Ariane Bemmer

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