SONNTAGS um zehn : Staatstragende Kirchgänger

Horst Köhler liest in Dahlem aus der Bibel – und Joachim Gauck lauscht jüdischen Kantoren im Dom.

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Im Dom. Bundespräsident Joachim Gauck und Daniela Schadt. Foto: dpa
Im Dom. Bundespräsident Joachim Gauck und Daniela Schadt. Foto: dpaFoto: dpa

„Im 38. Jahr Asas, des Königs von Juda, wurde Ahab, der Sohn Omris, König über Israel...“ Altbundespräsident Horst Köhler steht am Lesepult unter dem großen Holzkreuz der Dahlemer Jesus-Christus-Kirche. Mit kräftiger Stimme liest er aus der Bibel: „...es war noch das Geringste, dass er wandelte in der Sünde Jerobeams, des Sohnes Nebats.“ Es ist ein Text aus dem alttestamentarischen Buch der Könige, der Beginn der Geschichte des Propheten Elia. Sie steht in diesem Jahr im Mittelpunkt der Reihe „Bibel & Bach“ der Evangelischen Kirchengemeinde Dahlem. Den ganzen Sommer hindurch kommen Prominente in die Kirche an der Hittorfstraße und lesen aus der Bibel.

„Die Elia-Geschichte passt zum Jahresthema, das wir uns als Gemeinde gegeben haben“, erklärt die Vorsitzende des Gemeindekirchenrats, Katja von Damaros, in ihrer Begrüßung. „Wir wollen widerständig leben und Einspruch erheben, wo es nötig ist.“ Sonderlich widerständig freilich wirken ihre Zuhörer an diesem Sonntag nicht. Ein gut bürgerliches Publikum jenseits der 40 füllt die Kirche bis auf den letzten Platz. Jüngere Menschen sind kaum zu sehen.

„Er ging aber hin und tat nach dem Wort des Herrn...“ – Horst Köhler an seinem Lesepult ist mittlerweile bei der Textstelle angekommen, als der Prophet Elia die Welt verlässt und sich am Fluss Krit niederlässt. Gerne würde man erfahren, was das frühere Staatsoberhaupt mit diesen Bibelversen verbindet. Das aber bleibt im Dunkeln: Eine Predigt gibt es nicht, auch keine Diskussion.

„Die Idee ist es, die biblischen Texte im Ganzen zu hören, ihre Worte unkommentiert zu lassen, ergänzt nur durch die Sprache der Bachschen Musik“, schreibt Pfarrerin Marion Gardei im Programm. Die Dahlemer Kirchgänger sind aufgefordert, sich ihre eigenen Gedanken zu machen, während in der Kirche die Choralbearbeitungen Johann Sebastian Bachs erklingen, meisterlich intoniert von Kantor Jan Sören Fölster, den ein älterer Besucher am Ausgang sogar noch um ein Autogramm bittet.

Keinen Autogrammwunsch, aber einen Händedruck von Bundespräsident Joachim Gauck erhalten auch zwei andere Kantoren an diesem Sonntag: Nick Strimple und Tobias Brommann, die unter dem Motto „Shared Music – Shared Message“ ein „Ökumenisches Festkonzert“ der „Cantors Assembly“, der weltweit größten Vereinigung jüdischer Kantoren, im Berliner Dom organisiert haben. Zusammen mit seiner Lebensgefährtin Daniela Schadt lauscht Gauck den klagenden hebräischen Gesängen des Mittelalters und den imposanten Werken Louis Lewandowskis. Ein Konzert, das so noch viel häufiger stattfinden sollte – zumindest, wenn es nach dem Professor für praktische Theologie an der Humboldt-Universität, Rolf Schieder, geht. „Im Erinnern an die Toten sind wir gut“, so Schieder in einem Grußwort. Doch Christen und Juden fehlten Gelegenheiten, ihr Glaubensleben zu teilen.Benjamin Lassiwe

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