SONNTAGS um zehn : Stille bis Mitternacht

Jugendgebetsnacht in der St.-Bonifatius-Kirche

Barbara Schneider

Eisig weht der Wind an diesem Samstagabend durch die Yorckstraße in Kreuzberg. Auf dem Gehweg vor der katholischen St.-Bonifatius-Kirche steht Denis Möller. Immer wieder geht der 24-jährige Geographiestudent auf Passanten zu: „Darf ich dir eine Kerze schenken?“, fragt er und versucht so, auf die Jugendgebetsnacht aufmerksam zu machen.

Drinnen in der Kirche ist es – bis auf einige Kerzen im Altarraum und im Mittelgang – dunkel. Und still. Nur hin und wieder ist von draußen ein vorbeifahrendes Auto zu hören. Nach einer Weile beginnen Akkordeon und Geige, leise zu spielen. Schließlich setzt eine Männerstimme ein, singt immer wieder den Vers: „Bleibet hier und wachet mit mir!“

Stille und Musik wechseln sich ab in dieser Nacht. Immer wieder kommen Menschen in die Kirche, setzen sich, zünden eine Kerze an, gehen wieder. Mal schreibt jemand ein Gebetsanliegen auf einen Zettel, mal nimmt sich einer einen Bibelvers aus dem Korb vor dem Altar. Eine junge Frau sucht das Gespräch mit dem Pfarrer.

Seit rund zweieinhalb Jahren gibt es in St. Bonifatius das sogenannte „Nightfever“, wie die Jugendlichen ihre Gebetsnacht nennen. Die Idee entstand nach dem Kölner Weltjugendtag 2005. Zunächst in Bonn, dann in weiteren deutschen Städten trafen sich Jugendliche in regelmäßigen Abständen zu Gebet, Gespräch und Gesang. Inzwischen gibt es „Nightfever“ in rund 25 deutschen Städten. In Jena ebenso wie in Trier, in Duisburg, Aachen und Nürnberg.

„Jedem, dem es gefällt kann mitmachen“, sagt Möller, der eigentlich in Potsdam lebt. Wie er kommen viele Jugendliche, die an der Gebetsnacht mitarbeiten, aus anderen Berliner Bezirken oder dem Umland. Kurz vor der Gebetsnacht treffen sie sich und verteilen die Aufgaben. Wer Musik macht, wer singt, wer vor der Türe steht und Kerzen verteilt.

Von 21 bis 24 Uhr ist die Kirche geöffnet. „Wir wollen Menschen ein niederschwelliges Angebot machen, um mit Gott ins Gespräch zu kommen“, erklärt Pfarrer Ulrich Kotzur das Anliegen. Und Denis Möller sagt: „Ruhe ist das, was der Gesellschaft fehlt.“ Der Abend in der Kirche sei ein Raum, wo Menschen Gott begegnen können. „Wir wollen Menschen ansprechen, die sonst nicht in die Kirche gehen und nichts mit der Kirche am Hut haben.“

In Berlin gestaltet sich das mitunter schwierig. Viele gehen mit starrem Blick vorbei, lachen, machen Witze. Er könne das ja auch verstehen, wenn er an die vielen Flyerverteiler in der Stadt denke, sagt Kotzur. Etwa jeder Zehnte aber, schätzt der Pfarrer, nehmen das Angebot an und kommen in die Kirche. „Für die, die sich ansprechen lassen, lohnt sich das“, ist sich der Theologe sicher.Barbara Schneider

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