• SONNTAGS um zehn: Trotz Enttäuschung glauben Der EKD-Ratsvorsitzende predigte zu Neujahr im Berliner Dom

SONNTAGS um zehn : Trotz Enttäuschung glauben Der EKD-Ratsvorsitzende predigte zu Neujahr im Berliner Dom

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Es war die ganz große Liturgie: Ganz in weiß gekleidet, zogen Lektoren und Domprediger hinter dem goldenen Vortragekreuz in den Berliner Dom. Nur Nikolaus Schneider trug den schwarzen Talar. Dem EKD-Ratsvorsitzenden war anzumerken, dass er die Feierlichkeit der Gottesdienste im Berliner Dom aus dem heimischen Rheinland nicht gewohnt ist, als er gestern dort zum ersten Mal die Predigt eines Neujahrsgottesdienstes hielt. Und damit eine alte Tradition fortsetzte: Schon seine Vorgänger Manfred Kock, Wolfgang Huber und Margot Käßmann predigten am ersten Tag des Jahres im Berliner Dom.

In der vollbesetzten Kirche – auch Altbundespräsident Horst Köhler zählte zu den Gottesdienstbesuchern – sprach Schneider über die Jahreslosung, einen Bibelvers, der eine Art Leitwort für das neue Jahr sein soll. „Lass Dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“, heißt es im zweiten Brief des Apostels Paulus an die Korinther. Es ist die Antwort Gottes auf ein Gebet um Heilung. „Was für eine enttäuschende Antwort auf das Gebet eines Leidenden“, sagte Schneider. „Enttäuschung heißt aber: Uns wird etwas genommen, worin wir uns getäuscht haben und worin wir uns auch gerne weiter täuschen würden.“

Etwa, dass der Glaube an Gott vor Leiden bewahrt. „Die Erfahrungen von Leiden und Sterben, Krankheit, Unrecht und Gewalt gehören zum Leben von Menschen auf dieser Welt – auch die Erfahrungen von unerfüllten Wünschen und unerhörten Gebeten“, so Schneider. Doch die Auferstehung Christi zeige, dass diese Erfahrungen nicht das letzte Wort behielten. Der Blick auf Christus lehre die Menschen, „mit allen Enttäuschungen und offenen Fragen Gott als liebenden Vater zu sehen.“ Dabei könnten Christen die Erfahrung machen, dass Gott sie in den dunkelsten Stunden trage. „Er wird uns – wie dem Paulus – die Kraft schenken, mit dem Stachel der Enttäuschungen und offenen Fragen in unserem Fleisch zu glauben, zu lieben und zu hoffen – und nicht aufzugeben“, sagte Schneider.

Das gelte selbst dann, wenn Terror und Gewalt unüberwindbar und die globalen Finanzverflechtungen undurchschaubar blieben. „Um nachhaltig auf der Welt zu wirken, brauchen wir diese Kraft Gottes, die in unserer Schwachheit wirkt.“ Benjamin Lassiwe

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