Berlin : Sonntags um zehn: Urbild der Kirche und der christlichen Existenz

Alexander Pajevic

Der Chor hatte schön gesungen, die Gemeinde nach Kräften mitgehalten, und so stieg nach dem Dankopferlied im Berliner Dom Georg Kardinal Sterzinsky auf die Kanzel, um zu predigen.

Nein, nein, hier liegt mitnichten ein Fehler oder gar Ortsunkenntnis vor; noch handelt es sich bei dem gestern tatsächlich im Berliner Dom gefeierten Gottesdienst um eine ökumenische Veranstaltung. Begangen wurde der "Tag der Ankündigung der Geburt des Herren", die Maria durch den Engel Gabriel erfuhr. Ein Tag, der als Festgottesdienst begangen werden kann, wenn er auf einen Sonntag fällt und im Dom mit einem Kantatengottesdienst gewürdigt wurde, bei dem unter anderem eine von Johann Sebastian Bach zu diesem Anlass komponierte Kantate von der Domkantorei, diversen Solisten und Musikern der Komischen Oper dargeboten wurde.

Doch weil die Marienverehrung mehr in die katholische Domäne fällt, so mutmaßte Sterzinsky selbst, wurde er vom Domprediger Friedrich-Wilhelm Hünerbein gebeten, die Predigt dazu zu halten. Er habe diese Einladung nur zögerlich angenommen, gestand er zu Beginn seiner Ausführungen, da er sie nicht erwidern könne.

Zwar seien ökumenische Gottesdienste inzwischen ja nichts Ungewöhnliches mehr, für den Sonntagsgottesdienst selbst sei Katholiken die Einheit von Verkündigung und Sakrament jedoch essentiell. Und da ein evangelischer Prediger nicht befähigt ist, das katholische Sakrament zu erteilen, kann er eben auf einem Sonntagsgottesdienst nicht predigen. Doch Sterzinsky hob gleichzeitig hervor, wie weit die Ökumene schon gediehen sei und das sich in der Kirchenordnung wohl auch noch "so manches" ändern werde.

Nach diesen politischen Andeutungen, wurde Sterzinsky handfester, als er zur Theologie überging. Das "marianische Prinzip" war Gegenstand seiner Ausführungen, die letztlich auf die Frage hinaus liefen, wieweit der Mensch an seinem Heil mitträgt. Da alles Heil von Gott komme, wurde Maria auch nicht gefragt, ob sie denn den Heiland zur Welt bringen wolle, so Sterzinsky, sondern es wurde ihr verkündigt.

Doch sie hat in aller Freiheit "Ja" dazu gesagt. So kam Sterzinsky wiederum zu der Frage, ob sie damit also das Urbild der christlichen Kirche und der christlichen Existenz sei. Die katholisch Kirche, so führte er aus, begreife sich als am Heilsgeschehen beteiligt und als Empfangende selbst Teil davon.

Vielleicht um dieses doch schwere Geschütz leichter verdaulich zu machen kam dann die Bach-Kantate "Wie schön leuchte der Morgenstern" zur Aufführung, bevor dann doch irgendwie ökumenisch Hünerbein das Schlussgebet und Sterzinsky den Segen sprachen.

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