SONNTAGS um zehn : Verantwortlich leben

Erste Predigt des neuen Generalsuperintendenten

Rund um die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche auf dem Breitscheidplatz war es gestern vormittag noch sonntäglich ruhig. Auf einer der Rundbänke schliefen zwei Gestalten ihren nächtlichen Rausch aus, den viele leere Flaschen am Boden bezeugten. Vor dem Schild „Rettet den Turm“, das dazu auffordert, das im Zweiten Weltkrieg weitgehend zerstörte und heute im doppelten Sinne ruinöse Wahrzeichen der Stadt mit einer Spende vor dem endgültigem Verfall zu bewahren, posierten die ersten Touristen fürs Erinnerungsfoto.

Im Sonntagsgottesdienst ging es um die geschichtliche Bedeutung des evangelischen Gotteshaus, das Kaiser Wilhelm II. zwischen 1891 und 1895 als religiöse Gedenkstätte zu Ehren seines Großvaters Wilhem I. erbauen ließ und das als Kirchenruine in der Nachkriegszeit zum Symbol des aus Ruinen wieder erstandenen Berlins wurde und zu Mauerzeiten zum Sinnbild des Selbstbehauptungswillens der West-Berliner.

„Freiheit und Rebellion“ war das Motto der ersten Predigt, die gestern der neue Berliner Generalsuperintendent Ralf Meister in der Kirche hielt. Der erste Auftritt des bisherigen Lübecker Probstes als neuer „Regionalbischof“ lockte dabei am Sonntag so viele Christen zum Gottesdienst auf die Kirchenbänke, dass um 10 Uhr kein Gesangsbuch mehr zu haben war.

Brückenbauer will Ralf Meister in der Stadt werden – alle Menschen ansprechen. Städte wie Berlin seien Orte der Freiheit und eines großen Versprechens auf ein glückliches Leben. „Für viele aber bleibt es ein uneingelöstes Versprechen“, sagte er gestern in der ersten von „Fünf Predigten für die Stadt“ – so heißt Meisters Predigtreihe in fünf Citykirchen (mehr unter: www. ekbo.de).

Kirchen sind für ihn Räume, in denen die Geschichte einer Stadt bewahrt wird – am Breitscheidplatz habe sich Berlin wiedergefunden, als es sich 1957 für den Verbleib der Kirchenruine als Mahnmal entschied. Der „Beginn der Suche nach Heil in einer heillosen Welt“ sei das gewesen. In der Mitte der Stadt werde man an die Sünden der Väter erinnert. Auch, wer selbst nicht in sie verstrickt sei, trage Verantwortung. „Kehrt um, damit ihr lebt“, heiße es dazu beim Propheten Hesekiel. Seine christliche Freiheit zum Protest gegen Gewalt und Unrecht zu nutzen, bedeute dies heute.

Als man Rudi Dutschke 1967 von der Kanzel der Gedächtniskirche zerrte, habe sich die Rebellion der 68er letztlich auch gegen ein Christentum aufgelehnt, von dem man glaubte, dass es sich den Fragen dieser Welt entziehe. hema

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