SONNTAGS um zehn : Viel Glück und viel Segen

Johannesstift feiert 100-jähriges Bestehen seines Standortes in Spandau

Barbara Schneider

Das Evangelische Johannesstift in Spandau trotzt dem schlechten Wetter. Kurzerhand haben die Organisatoren den Open-Air-Gottesdienst in die Backsteinkirche auf dem Stiftsgelände verlegt. Rund 400 Bewohner, Gäste und Gemeindemitglieder feiern hier nicht nur das traditionelle Erntedankfest, sondern auch das 100-jährige Bestehen des Standortes im Spandauer Forst.

„Mit dem Wetter hatten wir nicht viel Glück, aber mit dem Segen“, sagt der ehemalige Berliner Generalsuperintendent Martin-Michael Passauer in seiner Predigt. Der jetzige Stiftsvorsteher Martin von Essen verweist auf die Geschichte der sozialen Einrichtung. Seit September 1910 hat die Stiftung, die vor 152 Jahren von dem Hamburger Theologen und Sozialreformer Johann-Hinrich Wichern in Berlin gegründet worden war, ihren Sitz in Spandau. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts sei das ehemalige Stiftsgelände in Plötzensee geräumt worden, weil die Stadt Berlin die Fläche für einen neuen Hafen benötigt hatte.

Im Gottesdienst erinnert das Johannesstift an die Geschichte der zurückliegenden 100 Jahre. Vier Symbole aus vier Epochen sind dazu auf dem Altar aufgereiht: eine alte Kartusche mit Gründungsdokumenten ebenso wie eine Plakette mit der Aufschrift „Übt Barmherzigkeit“ aus dem Jahr 1928. Damals kamen zu der Betreuung von Kindern aus schwierigen Verhältnissen neue Arbeitsfelder wie die Alten- und Behindertenhilfe. Ebenfalls auf dem Altar liegen ein Stück Berliner Mauer und ein Gemälde der therapeutischen Kunstgruppe „StiftART“ aus jüngster Zeit.

Immer wieder singt die Gemeinde das Geburtstagslied „Viel Glück und viel Segen“. Auch Passauer greift das Lied in seiner Predigt auf. Dabei sucht er den Dialog mit den Gottesdienstbesuchern, richtet sich mit Fragen direkt an die Gemeinde. „Wissen Sie, was Glück eigentlich bedeutet?“, fragt er und ergänzt: „Ich würde es Ihnen gerne sagen, aber ich weiß es nicht.“ Glück könne sich blitzschnell in Unglück verwandeln. „Wir bleiben alle abhängig von äußeren Einflüssen und Mächten. Wir können nur unser Handwerk machen, aber Gott muss unsere Arbeit segnen.“

Nach dem Gottesdienst ist rund um die Kirche das Straßenfest in vollem Gange: An Ständen wird Kaffee und Kuchen angeboten, Würstchen werden gegrillt. Höhepunkt ist wie in den Vorjahren der traditionelle Erntedankumzug, bei dem neben geschmückten Wagen Blaskapellen, Trommelgruppen und Kinder in Sonnenblumenkostümen über das Stiftsgelände ziehen. Im vergangenen Jahr kamen hierzu rund 40 000 Menschen in den Spandauer Forst. Und auch wenn es in diesem Jahr kaum so viele Menschen werden – es herrscht trotz Nieselregen gute Laune.Barbara Schneider

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