SONNTAGS um zehn : Volle Bänke am Jahresende

In der Golgatha-Kirche verabschiedete die Sophiengemeinde ihren Pfarrer.

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Der Sonntag nach Weihnachten ist in vielen Kirchengemeinden ein undankbarer Tag. An den Feiertagen waren die Gottesdienste voll, Pfarrer und Kirchenmusiker im Dauereinsatz. Und Silvester stehen in fast jeder Gemeinde Jahresschlussandachten an. Vielerorts fiel deswegen der Gottesdienst gestern schlicht aus. Ohnehin kommen am ersten Sonntag nach Weihnachten nur wenige in die Kirchen.

Doch leere Gotteshäuser müssen nicht die Regel sein. In der Golgatha-Kirche in der Borsigstraße in Mitte waren die Bänke gestern voll besetzt. Wer erst kurz vor Beginn des Gottesdienstes kam, hatte ein Problem: Die Gesangbücher reichten nicht, so groß war der Andrang. Denn es galt, Abschied zu nehmen. Pfarrer Michael Kösling verlässt zum Jahresende die Sophien-Gemeinde, zu der die Golgatha-Kirche gehört, und wechselt zum Berliner Dom am Lustgarten, wo er als dritter Domprediger künftig vor allem für die Kinder- und Jugendarbeit zuständig sein wird. Mit Chorgesang und Posaunenklang, mit Gebeten und einem besonderen Segen wurde er aus seiner Gemeinde verabschiedet: Im Gebet dankte die Gemeinde Gott für sein segensreiches Wirken in ihren Reihen.

Und ein letztes Mal erklomm dann der Theologe die massive Kanzel aus dunklem Holz, zu Füßen des monumentalen Altargemäldes, das die Kreuzigung Jesu darstellt. Er sprach – über eine Werbekampagne. Denn überall in der Stadt hängen derzeit die Anthropozän-Plakate des „Hauses der Kulturen der Welt“. „Ist das Anthropozän“, das vom Menschen geschaffene Zeitalter, „gerecht?“, fragt darauf eine bunte Maske. „Wenn ich am Reichstag entlangjogge, mit meinen in der dritten Welt zusammengesetzten Turnschuhen – dann denke ich: nein“, so Kösling.

Dann erinnerte er die Gemeinde an einen Text aus dem biblischen Johannes-Evangelium. „Ich bin in die Welt gekommen als ein Licht, damit, wer an mich glaubt, nicht in der Finsternis bleibe“, heißt es dort. „Gott erscheint uns nicht als ferner Gott aus anderen Zeiten“, sagte Kösling. Auch im Anthropozän weine, arbeite und liebe er mit den Menschen. „In der Heiligen Nacht findet er die Hirten, Könige, Wirte und Zaungäste im Stall von Bethlehem – mitten unter uns wird er zu einem Licht in unserem Leben.“ Benjamin Lassiwe

Die Gemeinde im Internet:

www.sophien.de

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