SONNTAGS um zehn : Was Christen und Juden teilen Gedenken an den Holocaust

im Französischen Dom

G,a Bartels

Jetzt könnte Stille einkehren. Seit Tagen sind alle Worte verbraucht in Gedenkkultur-Debatten, Antisemitismus-Fallstudien, Politiker-Mahnungen, Erinnerungsgeschichten, Leitartikeln und Historikerthesen – da scheint Schweigen am Holocaustgedenktag selbst das einzig angemessene Ausdrucksmittel zu sein. Und gemeinsam geschwiegen wird später auch im Gedenkgottesdienst für die Opfer des Nationalsozialismus, den die Gemeinde der Französischen Friedrichstadtkirche zusammen mit der Hugenottengemeinde und der Aktion Sühnezeichen am Gendarmenmarkt begeht.

Aber den Auftakt nach dem dunkel grollenden Orgelvorspiel und einem Kirchenlied, das sich die Melodie mit einem israelischen Volkslied teilt, bilden dann doch erstmal Worte. Dass es die klarsten und grundsätzlichsten sind, die Juden- und Christentum miteinander teilen, ist die beste Idee des ganzen engagierten Gottesdienstes: Lektorin Adelheid Funke spricht in aller Ruhe die zehn Gebote. Und ihr einfaches „Du sollst nicht töten“ oder „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten“ erweist sich in der Erinnerung an die Ermordung von Millionen Juden, Sinti und Roma, Homosexuellen und Regimegegnern während des Nationalsozialismus als stärkster Kommentar.

Eine frische Brise bringt dann Claudia Hägele von der Aktion Sühnezeichen in den Französischen Dom. Die Medizinstudentin erzählt freimütig von ihrer Zeit in New York, wo sie Holocaust-Überlebende betreute. Vorher sei der 27. Januar nur ein abstrakter Gedenktag für sie gewesen, sagt sie. Und dass ihr im Zusammensein mit den alten Menschen eher Augenblicke als lange Lebensgeschichten in Erinnerung geblieben seien. „Am meisten bedrückt die Überlebenden, dass mit ihrem Tod die Erinnerung an den Holocaust erlischt“, sagt Claudia Hägele. Ihr Anliegen sei es, mit dafür zu sorgen, dass die Menschen ihre Gesichter behielten und keine Zahl oder Statistik würden.

Der evangelische Pfarrer Matthias Loerbroks, eher ein intellektueller Mann Gottes, spricht in seiner wortreichen Gedenkpredigt sogar von einem elften Gebot. Darin beschwört der jüdische Philosoph Emil Fackenheim seine Glaubensbrüder, nach und trotz Auschwitz nicht an Gott zu verzweifeln, sondern Jude zu bleiben, um Hitler nicht noch im Nachhinein bei der Judenvernichtung zu helfen. Zwar könnten Christen das nicht übernehmen, meint der Pfarrer, aber sie müssten so handeln, dass Israel leben könne. Dazu gehöre, die gesellschaftliche Kälte zu überwinden, die Antisemtismus ermöglicht und mit der Kirchentradition zu brechen, das Evangelium nur in Abgrenzung vom Judentum zu lehren. Das sind wichtige und richtige Absichten, aber „Du sollst nicht töten“ ist der Satz, der hinterher in aller Stille nachhallt.

Gunda Bartels

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